Skip to main content
Headergrafik: Bibliothek der Universität Uetrecht (Foto: privat)

Debatte

Zwischen Nähe und Macht: Sprachlosigkeit der Universität bei asymmetrischer Intimität

20. Januar 2026 Anonyma *

In universitären Kontexten, die sich Aufklärung und Reflexion auf die Fahnen schreiben, gilt die intime Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden schlicht als unzulässig, ist aber hierzulande nicht verboten – wie zum Beispiel in den USA. Die Lehre an der Hochschule ist jedoch oft genug dadurch gekennzeichnet, dass berufliche Autorität und persönliche Nähe ineinandergreifen. Diese Konstellation ist strukturell asymmetrisch und deshalb für Studierende potenziell verletzend, insbesondere, wenn Grenzen überschritten werden – auch wenn das zunächst vermeintlich freiwillig oder einvernehmlich geschieht.

Ich selbst war Teil einer solchen Beziehung. Sie begann im Rahmen mehrerer Lehrveranstaltungen, entwickelte sich durch Gespräche und besondere Aufmerksamkeit, wurde über Monate und Jahre hinweg persönlicher – und schließlich körperlich. Es gab keine klare Grenzüberschreitung, vielmehr graduelle Grenzverschiebungen von professionell zu privat. „Klassische Techniken“ (Hassan/Sanchez-Lambert 2019) wie Idealisierung, unklare Grenzen, die Herstellung emotionaler Abhängigkeit, insbesondere durch „bread-crumbing“ (Tochkov 2025) und der „heiß-und-kalt“-Methode (Hassan/Sanchez-Lambert 2019) fanden Anwendung. Es mündete schließlich in eine toxische Dynamik, der ich mich nicht entziehen konnte. Als die Beziehung endete, fehlte etwas: eine Sprache für das, was geschehen war.

Asymmetrische Nähe: Zwischen Konsens und Abhängigkeit

Ich verstand erst viele Monate später, dass in Beziehungen, die durch institutionelle Machtverhältnisse geprägt sind, vollständiger Konsens selten möglich ist. In einem Kontext, der von Hierarchie, Macht, Anerkennung und Abhängigkeit beeinflusst ist, welcher auch oder gerade dann Einfluss behält, wenn Sympathie und Anziehung beidseitig ist und Gefühle im Spiel sind, wird Konsens zu einer einseitigen Angelegenheit. Während ich nach Transparenz suchte und die Nähe thematisierte, blieb der Dozent unverbindlich, ließ Raum für Interpretation und schob mir damit die Verantwortung zu. Das bestehende Machtgefälle wurde von ihm zwar thematisiert, mit dem Ziel, das eigene Bewusstsein darüber zu betonen und Verantwortungsübernahme zu suggerieren. Rückblickend lässt sich jedoch sagen: Ich handelte meiner Auffassung nach selbstbestimmt, während er subtil kontrollierte, unter welchen Bedingungen dieses Handeln stattfand.

Solche Dynamiken sind jedoch kein individuelles Problem, sondern Ausdruck institutioneller Strukturen. Gelegenheiten für Grenzverwischungen entstehen, wo informelle Förderbeziehungen und Abhängigkeiten Teil des Systems sind (Lipinsky/Beaufaÿs 2025). In einer patriarchal geprägten Institution wie der Universität wird insbesondere männlich gelesenen Lehrenden Handlungsfreiheit und Deutungshoheit zugeschrieben (vgl. Mattei 2025). Ihnen wird somit auch ermöglicht, sich selbst eine Position zu sichern, die unangreifbar ist.

Emotionale Arbeit und Isolation

Subtile emotionale Manipulation, z. B. durch Schuldumkehr oder emotionalen Druck, ist schwer zu erkennen (und noch viel schwieriger zu beweisen). Das belastendste Element manipulativer Beziehungen liegt weniger in einem konkreten Ereignis oder einzelnen „Vorfällen“, sondern in der emotionalen Nachbearbeitung. Während der Dozent sich entzog – zunächst auf der Beziehungsebene, aber dann auch physisch, als er an eine andere Universität ging – übernahm ich die gesamte emotionale Arbeit: die Reflexion, Klärungsversuche, die Krisenbearbeitung, die sprachliche Verarbeitung, und managte weiterhin nicht nur meine, sondern auch seine Gefühle und Erwartungen (vgl. Hochschild 1983; Anderson 2023). In der Folge entstand Isolation. Zum einen konnte ich das Erlebte kaum einordnen, weil es sich in keine bekannte Kategorie einordnen ließ: kein klarer Übergriff, keine Partnerschaft, zunächst kein Fall für eine Beschwerdestelle, weil es dafür zu intim schien. In all der Unklarheit und Unsicherheit isolierte ich mich vom sozialen Umfeld, denn das fühlte sich – so berichten auch andere Betroffene – am sichersten an (Saxler 2024). Ich wurde darüber hinaus vom Dozenten angehalten, über unser Verhältnis zu schweigen, was zu weiterer Isolation führte.

Wenn Strukturen keine Sprache haben

Als ich ca. ein halbes Jahr später versuchte, Unterstützung vonseiten der Universität zu erhalten, den Fall zu melden und für Sensibilisierung zu sorgen, zeigte sich, dass universitäre Strukturen auf solche Graubereiche trotz ausgearbeiteter Richtlinien nicht vorbereitet sind. Die vorhandenen Anlaufstellen orientieren sich zumeist an juristischen Definitionen von Belästigung oder Gewalt. Für komplexe Beziehungen, die Betroffene aufgrund emotionaler Verstrickungen nicht sofort als eindeutig übergriffig wahrnehmen, gibt es keine passenden Konzepte und Verfahren. Dementsprechend entsteht bereits bei der Suche nach der richtigen Anlaufstelle Unsicherheit. Obwohl ich stark unter dem Erlebten litt, konnte ich mich in den Profilen der Anlaufstellen nicht wiederfinden. Ich fühlte mich weder belästigt, diskriminiert noch sah ich mich als Opfer von sexualisierter Gewalt. Hinzu kommt: Viele Gleichstellungs- oder Beschwerdestellen verfügen weder über ausreichende Ressourcen noch über institutionelle Autorität, um parteilich zugunsten Betroffener handeln zu können. So bleiben diejenigen, die Unterstützung suchen, häufig allein (vgl. Saxler 2024; Niendorf 2025). Dieses strukturelle Versagen trägt dazu bei, dass Betroffene sich zurückziehen, ihre Arbeitsumgebung meiden oder die Wissenschaft ganz verlassen – Befunde, die in der Wissenschaft längst bekannt sind (vgl. Lipinsky et al. 2022).

Auch in meinem Fall führte die mangelnde Unterstützung vonseiten der Institution dazu, dass ich mir selbst immer wieder die Schuld gab und die Verantwortung bei mir suchte. Denn weder der Dozent noch die aufgesuchten Anlaufstellen übernahmen wirklich Verantwortung. Irgendwann blieben Antworten auf wiederholte E-Mail-Anfragen an die Beschwerdestellen aus.

Zwischen Forschungslücke und Erfahrungswissen

Im Laufe meines Aufarbeitungsprozesses suchte ich nach wissenschaftlicher Literatur, die meine Erfahrung abbildet und mir hilft, zu verstehen. Ich fand auf der einen Seite Analysen zu sexualisierter Gewalt, zu #MeToo in der Wissenschaft (z. B. von Miquel et al. 2025) und andererseits zu partnerschaftlicher und emotionaler Gewalt – aber keine, die beides zusammenführt. Als Wissenschaftlerin, die nicht schwerpunktmäßig zu diesen Themen arbeitet, bin ich bislang auf keine entsprechenden Publikationen gestoßen. Die einen bleiben häufig auf juristisch oder institutionell fassbare Formen von Gewalt beschränkt, während die Ausführungen zu partnerschaftlicher Gewalt die institutionellen Machtdimensionen nicht mitanalysieren. Erst durch theoretische Ansätze zu Macht (wie bspw. bei Bourdieu und Foucault) konnte ich verstehen, dass in asymmetrischen Strukturen möglicherweise kein echter Konsens möglich ist. Doch diese Erkenntnis musste ich mir selbst erarbeiten, in einem Zustand emotionaler Belastung. Dass Betroffene gezwungen sind, ihr Erleben erst über theoretische Abstraktion zu legitimieren, verweist auf eine Leerstelle im institutionellen Diskurs.

Sensibilisierung tut not

Universitäten benötigen Konzepte und Verfahren, die emotionale Komplexität anerkennen, ohne sie zu pathologisieren, zu privatisieren, zu stigmatisieren, oder in die ein oder andere Richtung zu überdeuten. Das Schweigen schützt Strukturen, nicht Menschen. Wer akademische Räume sicherer machen will, muss über Nähe, Macht und Verantwortung sprechen – auch dann, wenn es unbequem ist. Franziska Saxler (2024) weist in ihrem Buch zu sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch im Job vehement darauf hin, dass es insbesondere an Aufklärungsarbeit mangelt. Entsprechend verbreitetes Wissen könnte auch an Hochschulen dabei helfen, Machtmissbrauch zu verhindern oder zumindest Betroffene dabei zu unterstützen, das Erlebte schneller einordnen zu können. Ohne umfassende sensibilisierende Information kann es passieren, dass vorhandene Anlaufstellen an Universitäten als reine Symbolpolitik wahrgenommen werden.

Mit diesem Beitrag möchte ich für Sichtbarkeit sorgen und gegen das Schweigen anschreiben. Denn erst wenn solche Erfahrungen benennbar werden, kann sich auch die Wissenschaft als Institution verändern. Hierbei geht es besonders um das Wahrnehmen von Nuancen, denn nicht alles ist gleich als Gewalt oder Übergriff erkennbar, und nicht immer muss es sich überhaupt darum handeln. Doch wenn Lehrpersonen, denen in ihrer Rolle Eigenschaften wie Reflexionsgabe, Verantwortungsbewusstsein und Respekt zugeschrieben werden, unter dem Deckmantel von Eloquenz und Intellektualität ihre Position ausnutzen, um sich emotionale Vorteile zu verschaffen, fällt dies durchaus unter das Stichwort Machtmissbrauch.

Literatur

Anderson, Ellie. 2023. Hermeneutic Labor: The Gendered Burden of Interpretation in Intimate Relationships between Women and Men. In: Hypatia, 38(1), 177–197. https://doi.org/10.1017/hyp.2023.11 

Hassan, Sara & Sanchez-Lambert, Juliette. 2019. Grauzonen gibt es nicht. Muster sexueller Belästigung mit dem Red Flag System erkennen. Wien: OGB Verlag.

Hochschild, Arlie Russell. 1983. The managed heart: Commercialization of human feeling. Berkeley: University of California Press.

Lipinsky, Anke im Interview mit Sandra Beaufaÿs. 2025. Normalisiert und systemisch: sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt in der Wissenschaft. In: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 11.02.2025. https://doi.org/10.17185/gender/20250211 

Lipinsky, Anke; Schredl, Claudia; Baumann, Horst; Humbert, Anne Laure & Tanwar, Jagriti. 2022. Gender-based violence and its consequences in European Academia, Summary results from the UniSAFE survey. Report, November 2022. UniSAFE project no.101006261. Online verfügbar unter: https://unisafe-gbv.eu/wp-content/uploads/2022/11/UniSAFE-survey_prevalence-results_2022.pdf (letzter Zugriff: 03.11.2025).

Mattei, Annalisa. 2025. „Universität als Festung. Eine historische Einordnung der Universität als männliche Lebenswelt.“ In: von Miquel, Beate; Mahs, Claudia; Langer, Antje; Riegraf, Birgitt; Sabisch, Katja & Pilgrim, Irmgard (Hrsg.), #Me Too in Science. Wiesbaden: Springer, S. 59–80. https://doi.org/10.1007/978-3-658-45515-6 

Niendorf, Lisa. 2025. Universal gescheitert? Wissenschaft und Hochschule zwischen Machtmissbrauch, Leistungsdruck und Ausbeutung: was wir dagegen tun können. München: Droemer.

Saxler, Franziska. 2024. „Er hat dich noch nicht mal angefasst“. Sexualisierte Belästigung und Machtmissbrauch im Job – und wie wir uns davor schützen können. Berlin: Ullstein.

Tochkov, Karin. 2025. Breadcrumbing in Romantic Relationships: A Conceptual and Theoretical Analysis. Advances in Social Sciences Research Journal, 12(08), 248–251. https://doi.org/10.14738/assrj.1208.19319 

von Miquel, Beate; Mahs, Claudia; Langer, Antje; Riegraf, Birgitt; Sabisch, Katja & Pilgrim, Irmgard (Hrsg.) 2025. #Me Too in Science. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-45515-6 

Zitation: Anonyma * : Zwischen Nähe und Macht: Sprachlosigkeit der Universität bei asymmetrischer Intimität , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 20.01.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/naehe-macht-universitaet/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260120

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Bibliothek der Universität Uetrecht (Foto: privat)

Anonyma *

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.