Skip to main content
Headergrafik: reddish/stock.adobe.com

Gesehen Gehört Gelesen

Sichtbarkeit als Strukturfrage: Innovative Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft

19. Mai 2026 Eva Wegrzyn Paula Adjuoa Nyarko

Nur wer sichtbar ist, wird auch wahrgenommen, zitiert, eingeladen und als relevant betrachtet. Sichtbarkeit ist in einer medial geprägten Gesellschaft keine bloß symbolische Frage, sondern eine politische, da sie an Anerkennung gekoppelt ist. Und der Grad der Anerkennung hängt wiederum von der Position in Machtverhältnissen ab: Wer wird gesehen und gehört? Wer spricht? Der Tagungsband „Innovativ – Exzellent – Sichtbar: Frauen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft“ greift diese Fragen auf und zeigt, wie ungleich Sichtbarkeit verteilt ist und wie sich diese Verhältnisse verändern lassen.

Um solche Ausschlussmechanismen aus der Warte der Gleichstellung der Geschlechter strukturpolitisch zu bearbeiten, wurde 2021 die Förderrichtlinie „Innovative Frauen im Fokus“ initiiert. Auf der zentralen Fach- und Transfertagung am 20. und 21. März 2025 in Berlin wurden Forschungsergebnisse, Handlungsempfehlungen und erprobte Maßnahmen vorgestellt. Der Tagungsband bündelt diese Beiträge und ordnet sie vier Handlungsfeldern zu: Forschung und Entwicklung, Medien und Wissenschaftskommunikation, Unternehmen sowie Startups und Wissenschaft.

Praxisnah und zugleich analytisch

Es werden konkrete Forschungs- und Transferprojekte, Programme oder Initiativen vorgestellt, die in sehr unterschiedlichen Kontexten erprobt wurden und werden. Dadurch bleiben die Beiträge nah am Alltag gleichstellungspolitischer Arbeit, statt theoretische Grundsatzfragen zu adressieren. Besonders für Leser:innen, die selbst in Organisationen oder Hochschulen im Gleichstellungsbereich tätig sind, bietet die Dokumentation viele Inspirationen und Anknüpfungspunkte für die eigene Arbeit. Die Beiträge sind knappgehalten, gut lesbar und verweisen durch Links, QR-Codes, Webseiten und Vortragsfolien auf weiterführende Ressourcen.

Zugleich ist der Band mehr als eine Sammlung von Good-Practice-Beispielen. Mehrere Beiträge liefern epistemische Evidenz, also Befunde aus quantitativen und qualitativen Studien, die die strukturellen Mechanismen von Sichtbarkeit freilegen. Denn, das betonen die Autor:innen, Sichtbarkeit ist stets als das Ergebnis institutioneller, medialer und sozialer Ordnungen zu denken, weniger als Ausdruck rein individueller Anstrengung.

Wo ansetzen?

Ein wichtiger Hebel liegt etwa darin, Frauen nicht nur als Vorbilder, sondern als Expertinnen sichtbar zu machen. Die Formel, Sichtbarkeit strategisch zu nutzen, zielt in diese Richtung: Nicht die Ausnahmefrau soll im Vordergrund stehen (S. 52), sondern fachliche Kompetenzen von verschiedenen Akteur:innen auf verschiedenen Ebenen.

Ein zweiter Hebel liegt darin, mediale Selektionsmechanismen zu adressieren. Wenn Frauen weltweit rund 41 Prozent der Forschenden stellen, ihr Anteil als zitierte Expertinnen aber nur zwischen 25 und 32 Prozent liegt, verweist das auf strukturelle Schieflagen öffentlicher Wahrnehmung (S. 62). Formate wie „Liebe auf den ersten Blick“, in denen Kurzvideos von Wissenschaftlerinnen die Recherchearbeit von Journalist:innen erleichtern sollen, setzen hier an. Medientrainings, gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen mit Medienhäusern gilt es als Bestandteil institutioneller Gleichstellungsstrategien, insbesondere an Hochschulen, zu etablieren.

Anerkennung im Rückblick

Ein dritter Hebel betrifft die Dimension der symbolischen Ordnungen, insbesondere wenn es darum geht, an bislang ausgeblendete Koryphäen eines Faches zu erinnern. Das zeigt etwa das Beispiel von Cécile Vogt, eine zentrale Begründerin der modernen Hirnforschung, die zwar vielfach für den Nobelpreis nominiert wurde, über die jedoch bis vor kurzem nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag existierte (S. 54). Initiativen wie „Hauptstadt der Wissenschaftlerinnen“ (ebd.) und Beiträge wie „Versäumte Bilder“ (S. 22f.) machen deutlich, dass Unsichtbarkeit historisch produziert wurde und dass die neue Technologie der Künstlichen ‚Intelligenz‘ genutzt werden kann, um jene Frauen nachträglich ins Rampenlicht zu rücken, denen Anerkennung verwehrt blieb. Ausstellungen mit Bildern und Texten dieser Persönlichkeiten haben das Potenzial, lokale und internationale Debatten darüber anzustoßen, wer in wissenschaftlichen Erinnerungskulturen vorkommt und wer unsichtbar gemacht wird.

Sichtbarkeit ist relational

Von großer Bedeutung ist ferner, dass der Band an mehreren Stellen Sichtbarkeit als relationale soziale Praxis fasst und dass Sichtbarkeit in ein institutionelles und kulturelles Tun, in ein „doing visibility“ (S. 56f.) eingelassen ist. Damit geht der Appell einher, Wahrnehmung immer in gesellschaftliche und organisationale Machtverhältnisse und Mikropolitiken eingebettet zu verstehen. Frauen werden gerne mit sehr widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Wer sich selbstbewusst und offensiv zeigt, gilt schnell als störend, wer sich zurücknimmt, bleibt unscheinbar, wie das Zitat aus einer Interviewstudie des Projekts „Prof:in Sicht“ deutlich macht:

„Also ich weiß nicht, mit der Sichtbarkeit von Frauen ist es, find ich, nach wie vor so: Entweder nervst du, oder du bist so‘n Liebchen und findest irgendwie so komische diplomatische Strategien, dich durchzuwinden.“ (S. 57)

Sichtbarkeit kann, je nach Geschlecht einer sichtbaren Person, also unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Der Band thematisiert daher die hohe Relevanz von Frauen*-Netzwerken und solidarischem Empowerment. So können Handlungsspielräume deutlich gemacht und erweitert werden.

Sichtbarkeit macht angreifbar

Ein wichtiger Aspekt ist aber auch die Gefahr der Anfeindung und der digitalen Gewalt. In diesem Zusammenhang ist der Beitrag zum Forschungsprojekt „Digital Hate – Digitale Gewalt gegen Professorinnen umkämpfter Wissensgebiete“, das nicht nur Erkenntnisse über digitale Gewalt gegen die Gruppe gewinnen, sondern gemeinsam mit den zivilgesellschaftlichen Non-Profit-Organisationen HateAid und Scicomm-Support auch institutionelle Unterstützungsstrukturen stärken will. Gerade die aktuelle politische Debatte zeigt die veritable Gefahr, wenn solchen Organisationen die staatliche Förderung entzogen zu werden droht (vgl. Bebenburg/Rüssmann 2026). Bei HateAid zeigt sich beispielsweise, wie umkämpft und fragil die staatliche Förderung solcher Schutzinfrastrukturen ist. Eine nachhaltige (Gleichstellungs-)Politik der Sichtbarkeit muss zwingend Schutz vor willkürlichen Sanktionen und verlässliche Unterstützungsstrukturen systematisch mitdenken.

Grenzen des Bandes

An dieser Stelle wird offenkundig, wo der Band und damit auch die ministeriale Förderlinie hinter dem eigenen Anspruch, strukturelle Veränderungen zu erwirken, zurückzubleiben droht. Viele Beiträge benennen zwar strukturelle Probleme sehr treffend, doch nicht selten bleiben erforschte und erprobte Lösungen projektförmig, was mit dem Grundproblem der zeitlich begrenzten Förderung verbunden ist. Erfolgreiche Formate werden nicht weiterfinanziert, wie es das Beispiel der Plattform #InnovativeFrauen zeigt. Sichtbarkeit wird so zwar durch virtuelle Plattformen aufgebaut, institutionell aber nicht (immer) dauerhaft abgesichert. Es bleibt daher zu betonen: Struktureller Wandel lässt sich nicht oder nur sehr begrenzt durch befristete Projekte erzeugen.

Auch die intersektionale Perspektive ist ein wichtiger, jedoch nicht durchgehend vertiefter Beitrag des Bandes. Besonders der Blick auf Frauen mit Migrationsgeschichte und berufliche Netzwerke macht deutlich, dass Sichtbarkeitsangebote nicht für alle gleichermaßen funktionieren. Netzwerke, Zugänge und informelle Strukturen sind ungleich verteilt. In ähnlicher Weise erweitern die Perspektiven aus Spanien, der Schweiz und Österreich den Horizont der Publikation, ohne allerdings immer systematisch vergleichend ausgewertet zu werden.

Fazit: vielfältige Impulse, offene Fragen der Verstetigung

Insgesamt bietet der Tagungsband weniger ein geschlossenes Konzept als eine Vielzahl konkreter Denkanstöße. Genau das ist seine Stärke, denn er macht sichtbar, an welchen Stellen Sichtbarkeit politisch und institutionell bearbeitet werden kann: Sei es durch Expertinnen-Datenbanken, mediale Transferformate, wissenschaftsgeschichtliche Interventionen, Netzwerke, geschlechtergerechte Kommunikationsstrategien und die gesellschaftlichen Strukturen adressierende Fördermaßnahmen. Besonders überzeugend ist der Band dort, wo Sichtbarkeit als das Ergebnis institutioneller, medialer und symbolischer Ordnungen gefasst wird.

Seine Schwäche liegt dort, wo diese durch die Geschlechterforschung bestehende und in wissenschaftspolitische Förderprogramme eingeflossene Einsicht nicht konsequent bis zur Frage der Verstetigung weitergeführt wird. Wer die strukturellen Bedingungen von Sichtbarkeit verändern will, muss institutionelle Routinen, Ressourcenverteilungen und Machtverhältnisse verschieben, indem aus Projekten Institutionen werden. Der Band zeigt dafür viele Ansatzpunkte und ist deshalb eine inspirierende ‚Toolbox‘, die entscheidende Fragen zur geschlechtergerechten Sichtbarkeit von „innovativen Frauen“ pointiert stellt.

English version

Literatur

Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. (Hrsg.). (2025). Innovativ – exzellent – sichtbar: Frauen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Impulse, Best-Practice-Beispiele und Handlungsempfehlungen. Tagungsband zur Fachtagung am 20./21. März 2025 in Berlin. https://doi.org/10.5281/zenodo.17370449 

Beneburg, Pitt von & Rüssmann, Ursula (2026). Zerschlagung demokratischer Netzwerke befürchtet. Frankfurter Rundschau, 22.03.2026. Zugriff am 25.03.2026 unter https://www.fr.de/politik/ministerin-prien-will-demokratie-leben-umbauen-organisationen-alarmiert-94230099.html

Zitation: Eva Wegrzyn, Paula Adjuoa Nyarko : Sichtbarkeit als Strukturfrage: Innovative Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 19.05.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/sichtbarkeit-als-strukturfrage/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260519

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: reddish/stock.adobe.com

Eva Wegrzyn

Eva Wegrzyn, M. A., ist Sozialwissenschaftlerin und seit 2024 Referentin im Gender Diversity Action Team der Hochschule Düsseldorf. Von 2021 bis 2024 hat Eva Wegrzyn das BMBF Projekt „Exzellenz entdecken und kommunizieren“ (EXENKO) mitinitiiert und umgesetzt, das sich zentral mit der Sichtbarkeit und Bewertung wissenschaftlicher Leistungen von Frauen beschäftigte.

Zeige alle Beiträge
Netzwerk-Profil Eva Wegrzyn

Paula Adjuoa Nyarko

Paula Adjuoa Nyarko, M. A., ist Teamassistenz im Gender Diversity Action Team der Hochschule Düsseldorf und in den Bereichen Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit tätig. 2024 schloss sie ihren Master im Fach Culture and Environment in Africa an der Universität zu Köln ab. Ihr inhaltlicher Fokus liegt auf den Schnittstellen von kulturellen Prozessen und gesellschaftlicher Teilhabe.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.