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Antifeminismus

Affekte und Emotionen in Anti-Gender-Mobilisierungen

08. Oktober 2021 Julia Roth Birgit Sauer

Die Mobilisierung von Affekten ist ein Kennzeichen neoliberaler Steuerung und Regierung. In vielen gesellschaftlichen Bereichen führte dies zu einem affektiven „Exzess“ – Angst vor Überforderung, vor Verlust des Jobs oder der Kontrolle über das eigene Leben, Scham über Versagen im Wettbewerb, Wut gegenüber als Andere identifizierten Menschen, aber auch Freude über Erfolg. Damit verknüpft sind affektive Versprechen der (politischen) Beteiligung und der Aktvierung des Engagements von Bürger*innen als „aktive und affektive Bürger*innen” (Sauer 2020a: 32).

Kontext: neoliberale politische Affektmobilisierung

Rechtspopulistische und -extremistische Mobilisierungen greifen in dieses affektive Feld ein und nutzen die Vielfalt der Affekte für ihre antagonistischen und ausgrenzenden Strategien (Penz/Sauer 2020). Gruppierungen oder Organisationen „besorgter” Bürger oder Eltern einen sich zentral über ein Gefühl. Anti-Gender-Mobilisierungen der politischen Rechten greifen auf das neoliberal vorbereitete Emotionsreservoir zurück, nicht zuletzt auch weil Geschlechterordnungen in der bürgerlichen Moderne immer schon mit spezifischen Affektregimen oder „structures of feeling“ (Raymond Williams) verknüpft sind (Sauer 2020a; Wodak 2015; Strick 2020). „Gender“ fungiert für die affektive Mobilisierung im Rechtspopulismus und somit zur Mobilisierung affektiver Wahrheiten, wie sie im Zuge sozialer Medienblasen gegenwärtig erstarken, als zentrale Plattform und Meta-Sprache (Dietze/Roth 2020).

Anti-Gender-Mobilisierung als Affektivität

Rechtspopulistische Akteur*innen bieten ein neues oder wiederbelebtes ausgrenzendes Narrativ an. Sie geben in ihrem Anspruch, das Volk zu vertreten, vor, das zu sagen, „was alle denken”. Zugleich wenden sie sich gegen politische, mediale und intellektuelle Eliten, denen „politische Korrektheit“ – ideologische Behauptungen gegen das vermeintliche Empfinden der Mehrheit – vorgeworfen wird. Insbesondere geschlechtssensible und -diversifizierende Sprachpolitiken werden als übertrieben oder ungerechtfertigt präsentiert. Stellvertretend dafür werden Gender-Forscher*innen und Gleichstellungspolitiker*innen kritisiert und angegriffen.

Die Mobilisierung gegen Feminist*innen, Gender Studies, LGBTQI-Aktivist*innen und Gleichstellungspolitiker*innen nutzt Emotionen wie Wut und Ärger – z.B. über Gender-Studies-Programme an Universitäten. Darüber hinaus dient „Gender“ dazu, Angst zu schüren vor der Auflösung der (hegemonialen) Geschlechterordnung (etwa durch die vermeintliche „Frühsexualisierung” von Kindern durch Unterrichtsmaterialien zu sexueller Vielfalt) und der heterosexuellen Kleinfamilie, ja der gesellschaftlichen Ordnung überhaupt. Sowohl die binäre Geschlechterordnung wie die heterosexuelle Kleinfamilie werden im rechten Diskursuniversum als zentral für den Fortbestand der „Nation” imaginiert.

Somit wird „Gender” (zumeist adressiert als „Gender-Ideologie“, „Genderismus”, „Gender-Gaga” oder „Gender-Wahnsinn”) zu einer fundamentalen Bedrohung jeglicher Ordnung, aber auch von Kontroll- und Handlungsfähigkeit. Die populistische Rechte konstruiert auf der Grundlage dieses affektiven Mixes eine „Krise der Männlichkeit“, Björn Höcke ruft zur Wiedererringung von Männlichkeit auf und Marc Jongen bietet zu diesem Zweck ein „Thymos-Training“ an (Sauer 2020a). Vor diesem Hintergrund wird Wut geschürt gegen Gleichstellungspolitiker*innen, Gender-Forscher*innen oder erfolgreiche Frauen, die diese Bedrohung angeblich repräsentieren.

Maskulinistische Identitätspolitik und rechte affektive Gemeinschaft

Die populistische Rechte bietet freilich auch ein Programm an, um der Bedrohung „Herr“ zu werden. Eine zentrale Erzählung ist die Re-Etablierung einer traditionellen Geschlechterordnung, also z.B. der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Dies impliziert auch die Re-Souveränisierung von Männlichkeit (zum Begriff Forster 2006) im Rahmen einer affektiven maskulinistischen Identitätspolitik (Sauer 2020b), die wieder Handlungsfähigkeit und Kontrolle über das eigene Leben ermöglichen soll.

Durch die Dämonisierung von Gender Studies und feministischen Ansätzen versuchen rechte Akteur*innen Unterschiede und Hierarchien zu naturalisieren. Gleichzeitig machen maskulinistische Diskurse und Gruppierungen neue Angebote der Solidarität und der Fürsorge. Im wohlfahrtschauvinistischen Gestus soll vorsorgende, versorgende und schützende Staatlichkeit nur noch jenen zuteilwerden, die es vermeintlich verdienen oder die zur nationalen Gemeinschaft dazugehören. Diana Mulinari und Anders Neergaard (2017) sprechen daher von „caring racism“, also einer Sorgegemeinschaft, die auf rassistischer Ausgrenzung basiert und die Fürsorge mit Hass auf als anders Identifizierte kombiniert.

Auch im Kontext der jüngst erstarkenden Bewegungen gegen die Corona-Maßnahmen sind solche affizierenden und ausgrenzenden „Sorgemechanismen“ zu beobachten; so adressieren viele Plakate auf den Demonstrationen die Bedrohung von Kindern durch Maskentragen oder Impfen. Eine solche Bedeutungsverschiebung von Care und Sorgearbeit dient nicht zuletzt der Resouveränisierung von Männlichkeit und traditioneller Mutterschaft in Zeiten, in denen diese immer stärker hinterfragt werden.

Affizierung und rechter Maskulinismus in sozialen Medien

Medien – und insbesondere soziale Medien – spielen für Rechtspopulist*innen eine zentrale Rolle, nicht zuletzt aufgrund ähnlicher Logiken in der Aufmerksamkeits- und Emotionsökonomie (Diehl 2017). Einerseits haben die sozialen Medien das Potenzial für politische Informationen enorm gesteigert. Soziale Medien haben die Schaffung digitaler Öffentlichkeiten ermöglicht, in denen Meinungen offen geteilt werden können. Soziale Medien bieten andererseits den Raum für rechtsradikale, meist männliche Extremisten, Alt-Right-Anhänger (Strick 2021), aber auch für Unterstützerinnen des Rechtspopulismus wie die Women for Trump (Dietze 2020; Costa 2018; Seeßlen 2017) schreiben den sozialen Medien in Kombination mit aktuellen Formen des Rechtspopulismus die Fähigkeit zu, „kommunikative Blasen“ und „parallele Realitäten“ zu schaffen und in diesen geschlossenen Blasen Emotionen zu produzieren und zu verstärken.

Neue „maskulinistische” Akteure, wie Blogger der Alt-Right, und männerbezogene Foren und Plattformen wie Reddit und Red Pill stellen sich selbst als Opfer von Frauen, von rigiden Feministinnen und Gender-Studies-„Ideologinnen” dar (Kaiser 2020), die die politische Korrektheit gewaltsam durchsetzen und weiße männliche Identität, den Fortbestand und die „Reinheit” der Nation insgesamt bedrohen. Die Affizierung und Bildung einer maskulinistisch-virtuellen Gemeinschaft funktioniert über diesen Opferstatus.

Geschlecht als autoritäres Affizierungssystem

Geschlechterfragen bieten somit ein nützliches Feld für die Mobilisierung von Affekten, durch die eine „Politik der Angst” (Wodak 2015) inszeniert werden kann, um von abstrakten Bedrohungen wie dem neoliberalen Kapitalismus abzulenken bzw. das vorhandene affektive Potenzial umzulenken (Sauer 2017). Denn „Gender” – also Fragen von Sexualität und Geschlechtsidentitäten und Geschlechterordnungen – betreffen alle, da alle geschlechtlich positioniert sind. Deshalb sind diese Themen emotional besetzt, da sich alle angesprochen, gemeint oder in Frage gestellt und bedroht fühlen (können). Geschlecht ist in der bürgerlichen Moderne historisch hoch emotionalisiert, basiert die moderne Geschlechterordnung doch auf einer spezifischen Affektstruktur, die öffentlich und privat ebenso trennt wie rational und emotional – und die Geschlechterbinarität in diesem affektiven Trennungsdispositiv verortet (Bargetz/Sauer 2015).

Als Metapher für naturalisierte Hierarchien dient Geschlecht in der rechtspopulistischen Logik zur Polarisierung und zur Markierung der notwendigen Ungleichheit. Durch die affektive Dimension, die üblicherweise mit Geschlechterfragen verbunden ist, dient „Gender“ auch als Arena oder „Affektbrücke” (Dietze 2019, 160), um Skandale zu verursachen, die Aufmerksamkeit erregen, von anderen Themen ablenken oder brennende soziale Fragen umdeuten.

Literatur

Bargetz, Brigitte/Sauer, Birgit, 2015. „Der affective turn. Das Gefühlsdispositiv und die Trennung von öffentlich und privat”, in: Femina Politica, 24. Jg., H. 1/2015, S. 93–102.

Costa, Sergio, 2018. „Im brasilianischen Wahlkampf ist Verleumdung Programm.” Süddeutsche Zeitung edición online 19.10.2018, https://www.sueddeutsche.de/politik/brasilien-wahlkampf-bolsonaro-1.4173643, Zugriff 06.10.2021.

Diehl, Paula, 2017. “Why Do Right-Wing Populists Find So Much Appeal in Mass Media?” In: The Dahrendorf Forum, www.dahrendorf-forum.eu/why-do-right-wing-populists-find-so-much-appeal-in-mass-media/, Zugriff 06.10.2021.

Dietze, Gabriele, 2019. Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Immigrationsabwehr und Rechtspopulismus. Bielefeld: transcript.

Dietze, Gabriele/Roth, Julia, 2020. “Right-Wing Populism and Gender: A Preliminary Cartography of an Emergent Field of Research”, in: Gabriele Dietze und Julia Roth (Hrsg.). Right-Wing Populism and Gender: European Perspectives and Beyond. Bielefeld: transcript, S. 7–22, https://doi.org/10.14361/9783839449806-001

Dietze, Gabriele, 2020. “Why Are Women Attracted to Right-Wing Populism? Sexual Exceptionalism, Emancipation Fatigue, and New Maternalism”, in: Gabriele Dietze und Julia Roth (Hrsg.). Right-Wing Populism and Gender: European Perspectives and Beyond. Bielefeld: transcript, S. 163-184, https://doi.org/10.14361/9783839449806-009

Forster, Edgar, 2006: „Männliche Resouveränisierungen”, in: Feministische Studien H. 2/2006, S. 193–207.

Kaiser, Susanne, 2020. Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Berlin: Suhrkamp.

Mulinari, Diana/Neergaard, Anders, 2017. “Theorizing racism. Exploring the Swedish racial regime”, in: Nordic Journal of Migration Research 7(2), S. 88–96.

Penz, Otto/Sauer, Birgit, 2020. Governing Affects. Neoliberalism, Neo-Bureaucracies, and Service Work, New York/London: Routledge, https://doi.org/10.1007/s11614-020-00418-9

Sauer, Birgit. 2020a. “Authoritarian Right-Wing Populism as Masculinist Identity Politics. The Role of Affects”, in: Gabriele Dietze und Julia Roth (Hrsg.). Right-Wing Populism and Gender: European Perspectives and Beyond. Bielefeld: transcript, S. 23–40, https://doi.org/10.14361/9783839449806-002

Sauer, Birgit. 2020b. „Rechtspopulismus als maskulinistische Identitätspolitik“, in: Beck, Dorothee/ Henninger, Annette (Hg.): Konkurrenz für das Alphamännchen? Politische Repräsentation und Geschlecht, Roßdorf: Ulrike Helmer Verlag, 2020, S. 135–145.

Sauer, Birgit. 2017. „Gesellschaftstheoretische Überlegungen zum Europäischen Rechtspopulismus. Zum Erklärungspotenzial der Kategorie Geschlecht.” In: PVS Politische Vierteljahresschrift 58 (1), S. 3–22.

Seeßlen, Georg. 2017. Trump! POPulismus als Politik. Berlin: Bertz + Fischer Verlag.

Strick, Simon. 2021. Rechte Gefühle.  Affekte und Strategien des digitalen Faschismus. Bielefeld: transcript, https://doi.org/10.14361/9783839454954-fm .

Wodak, Ruth. 2015. The Politics of Fear: What Right-Wing Populist Discourses Mean. London: Sage.

Zitation: Julia Roth, Birgit Sauer: Affekte und Emotionen in Anti-Gender-Mobilisierungen, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 08.10.2021, www.gender-blog.de/beitrag/affekte-emotionen-antigender/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20211008

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Prof. Dr. Julia Roth

Professorin für Amerikanistik mit den Schwerpunkten Gender Studies und Interamerikanistik an der Universität Bielefeld; Forschungsschwerpunkte: postkoloniale, dekoloniale und Gender-Ansätze, Intersektionalität und globale Ungleichheiten, Staatsbürgerschaft und Gender, Rechtspopulismus und Geschlecht; (Co)Leiterin der Forschungsgruppe „Global Contestations of Women's and Gender Rights” am ZIF der Universität Bielefeld.

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Prof. Dr. Birgit Sauer

Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Governance und Geschlecht an der Universität Wien; Forschungsschwerpunkte: Governance und Geschlecht, Politik der Geschlechterverhältnisse, Staats- und Institutionentheorien, Politik und Emotionen; Rechtspopulismus und 'Geschlecht und Affekt'; Mitglied der Forschungsgruppe „Global Contestations of Women's and Gender Rights” am ZIF der Universität Bielefeld.

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