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Jenseits symbolischer Anerkennung: Arbeits- und Geschlechterverhältnisse neu gestalten

23. Juni 2020 Karina Becker Kristina Binner Fabienne Décieux

Kranken- und AltenpflegerInnen, aber auch SupermarktkassiererInnen erleben dieser Tage Ungewohntes und Gewohntes zugleich: Neu ist die mediale Aufmerksamkeit für ihre Leistung und deren gesellschaftliche Thematisierung, bekannt ist die weiterhin geringe monetäre Gratifikation. Ihre Tätigkeit wird als systemrelevant bezeichnet, was meinen soll, dass ihre Erwerbsarbeit eine tragende Stütze der Gesellschaft ist. Vom Gegenteil zeugt allerdings bspw. der viel zu geringe Kollektivvertragsabschluss in der Sozialwirtschaft in Österreich im Zuge der Corona-Pandemie sowie die Tatsache, dass SupermarktkassiererInnen teilweise entgegen öffentlichkeitswirksamer Beteuerungen der Lebensmittelbranche mit Bonuszahlungen im symbolischen Bereich abgespeist werden.

Gespannte Arbeits- und Geschlechterverhältnisse im Marktkapitalismus

Dass die rhetorische und symbolische Anerkennung (für den Bereich Kinderbetreuung vgl. Kerber-Clasen 2017) sich im Kapitalismus auch monetär widerspiegeln sollte, darauf verweisen KrankenpflegerInnen aktuell mit deutlichen Worten: „Euren Applaus könnt ihr Euch sonstwohin stecken“, so eine Berliner Krankenschwester im Tagesspiegel. Wie unverzichtbar verschiedene sogenannte feminisierte Bereiche sind und welche Folgen aus deren Abwertung durch Einsparungen oder Personalkürzungen etc. entstehen, wurde insbesondere von der Geschlechterforschung herausgearbeitet. In unserem neuen Sammelband diskutieren die Autorinnen, wie Arbeits- und Geschlechterverhältnisse, angetrieben durch den forcierten Marktkapitalismus, sich gegenwärtig entwickeln und mit welchen Konflikten und Kämpfen dies beladen ist (Becker/Binner/Décieux 2020). Der Band macht u. a. deutlich, dass nicht nur in der Geschlechterforschung, sondern auch in weiten Teilen der Arbeits- und Industriesoziologie mittlerweile angekommen ist, wie eng die Bewertung und Bezahlung von Arbeit an Geschlechterverhältnisse geknüpft ist.

Widersprüchliche Potenziale

Die Erforschung von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen kann auf eine fruchtbare Tradition zurückblicken (z. B. Aulenbacher et al. 2007; Senghaas-Knobloch 2008). Einen aktuellen eindeutigen Trend in dieser Hinsicht abzulesen, ist allerdings schwierig, wie die Beiträge des Buches zeigen: In verschiedenen Feldern werden durchaus widersprüchliche Potenziale bezüglich der Geschlechter(un)gleichheit sichtbar. Sowohl Ergebnisse für eine abnehmende Bedeutung von Geschlecht im Bereich Arbeit als auch Befunde, die, im Gegenteil, auf die Persistenz oder gar Verschärfung derselben verweisen, finden sich gleichzeitig.

Diese Ambivalenzen werden in dem Band unter unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert. Den Einstieg bieten Darstellungen von Geschlechterarrangements in eher „traditionellen“ und neuen Erwerbsarbeitsfeldern, in denen Arbeits- und Geschlechterverhältnisse in (bereichs-)spezifischer Weise herausgefordert werden. Daran anschließend wird der Bereich der Sorgearbeit vertiefend behandelt, welcher als klassisch weiblich gilt und in welchem die forcierte Ökonomisierung zu Widersprüchen auf unterschiedlichen Ebenen führt. Dass Frauen diese – ebenso wie schlechte Lohnarbeitsbedingungen – zum Anlass für Widerstand nehmen, wird im letzten Teil des Buches herausgearbeitet.

Reorganisation von (Erwerbs-)Arbeit

Stefanie Hürtgen eröffnet den ersten Teil mit einem konzeptionell orientierten Beitrag, in dem sie zeigt, dass Fragen der geschlechtsbezogenen Reorganisation von Erwerbsarbeit grundsätzlich durch historisch und sozialräumlich spezifische, intersektional geprägte Macht- und Herrschaftsstrukturen geprägt sind. Daran schließen empirisch ausgerichtete Aufsätze an, in denen die Gelegenheitsstrukturen für ein Aufbrechen der Geschlechterarrangements ausgelotet werden. So zeigt sich beispielsweise, dass in sehr unterschiedlichen Bereichen wie dem Direktvertrieb, der als klassisch weiblich gilt (Karina Becker), und dem stark männerdominierten Bereich der Naturwissenschaften (Susanne Kink-Hampersberger) zwar neue Verdienst- und Zugangschancen für Frauen eröffnet werden, allerdings teilweise auf prekärem Niveau. Jedoch verdichten sich hier wie auch in anderen Bereichen der Erwerbsarbeit Hinweise auf bestehende Geschlechterungleichheiten. So verdeutlichen zwei Aufsätze, die unterschiedliche Felder der Digitalisierung untersuchen (Lena Weber für Pflege, Mascha Will-Zocholl und Eva Clasen für IngenieurInnen), dass die Erwartungen an zunehmende Geschlechtergleichheit durch Digitalisierung (z. B. durch die Flexibilisierung von Arbeitsorten) nicht erfüllt werden.

Gespannte Verhältnisse in der Sorge(-arbeit)

In ihrer grundsätzlichen Analyse des Sorgens im Gegenwartskapitalismus kommt Brigitte Aulenbacher zur Diagnose einer gesellschaftlichen Neuordnung des Sorgens. Ihre These, dass Sorge und Sorgearbeit in ihrer funktions- und arbeitsteiligen Ausgestaltung in den verschiedenen Sektoren unter Berücksichtigung der vorherrschenden Macht- und Herrschaftsstrukturen reorganisiert wird, wird von den folgenden Aufsätzen gestützt. So zeigt Fabienne Décieux für das Feld der Kinderbetreuung, dass unter den Vorzeichen des Marktkapitalismus nicht primär die entwicklungsbedingten Sorgebedürfnisse der Kinder im Zentrum politischer Programmatiken stehen, sondern die Schaffung (zukünftiger) zeitgemäßer Arbeitskräfte. Eine solche Verkehrung und Entfremdung zeigt sich auch im Feld der Sorge für sich selbst: Wie Alexandra Rau deutlich macht, gewinnt die Selbstsorge unter ökonomischen Vorzeichen zwar an Bedeutung, gleichzeitig wird sie aber zunehmend prekär. Die Neustrukturierung der Sorge- und Selbstsorgeverhältnisse vollzieht sich dabei nicht geschlechtsneutral, denn im Pflege- sowie Kinderbetreuungsbereich arbeiten mehrheitlich Frauen. Männlichkeit kann sich dagegen als eine Ressource von Selbstsorge erweisen, wie Julia Gruhlich in ihrem Beitrag über eigensinnige Praktiken gegenüber vereinnahmender Erwerbsarbeit darlegt.

Kämpfe und Aushandlungen um Arbeitsverhältnisse?

Der Wandel und die Persistenzen in und von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen unter den Vorzeichen des Marktkapitalismus führen zu den beispielhaft benannten Ambivalenzen. Anforderungen an und Ansprüche von Beschäftigten verändern sich im Kontext von Ökonomisierungstendenzen in diesem Zusammenhang. Dies bleibt nicht unbeantwortet. In der arbeitssoziologischen Debatte wird das Interessenhandeln in feminisierten Bereichen vermehrt thematisiert. Gisela Notz zeigt in ihrem Beitrag, dass es sich hierbei um kein neues Phänomen handelt, sondern Frauenstreiks eine lange Tradition haben und Kontinuitäten aufweisen. Daran schließen zwei Beiträge mit bis dato in der deutschsprachigen Arbeitssoziologie weniger betrachteten Gegenstandsbereichen an: Jule Westerheide schreibt zu Formen der Aushandlung in Arbeitsverhältnissen von Sekretärinnen und Kimey Pflücke zur Regulierung von Domestic Work in Uruguay.

Neue Gestaltungspotenziale

Der Band bietet Einblicke in neue und traditionsreiche Forschungen an der Schnittstelle von Arbeits-, Industriesoziologie und Geschlechterforschung. In den Beiträgen werden neue konzeptionelle Herangehensweisen mit Blick auf aktuelle Felder miteinander verknüpft und es werden Trends in der spannungsreichen und uneindeutigen Entwicklung von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen abgebildet. Jeder Beitrag bietet neue Erkenntnisse dazu, inwiefern sich Gestaltungspotenziale für eine Geschlechtergleichheit ergeben oder nicht. In der Summe zeigt sich ein Bild von ineinandergreifenden Ambivalenzen, Veränderungen, Persistenzen und Verschärfungen in feminisierten Arbeitsbereichen bzw. in den Bereichen, in denen vorwiegend Frauen arbeiten.

Der Sammelband von Karina Becker, Kristina Binner und Fabienne Décieux „Gespannte Arbeits- und Geschlechterverhältnisse im Marktkapitalismus“ ist 2020 in der Reihe Geschlecht & Gesellschaft bei Springer VS erschienen.

Cover des Sammelbandes

Literatur

Aulenbacher, Brigitte; Funder, Maria; Jacobsen, Heike & Völker, Susanne (Hrsg.). (2007). Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft: Forschung im Dialog (Geschlecht und Gesellschaft, Bd. 40). Wiesbaden: Springer VS.

Becker, Karina; Binner, Kristina & Décieux, Fabienne (2020). Gespannte Arbeits- und Geschlechterverhältnisse im Marktkapitalismus. Wiesbaden: Springer VS.

Kerber-Clasen, Stefan (2017). Umkämpfte Reformen im Kita-Bereich. Baden-Baden: Nomos.

Senghaas-Knobloch, Eva (2008). Wohin driftet die Arbeitswelt? Wiesbaden: Springer VS.

Zitation: Karina Becker, Kristina Binner, Fabienne Décieux: Jenseits symbolischer Anerkennung: Arbeits- und Geschlechterverhältnisse neu gestalten, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 23.06.2020, www.gender-blog.de/beitrag/arbeits-und-geschlechterverhaeltnisse-neu-gestalten/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200623

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Dr. Kristina Binner

Dr. Kristina Binner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Gesellschaftstheorie und Sozialanalysen des Institutes für Soziologie der Johannes Kepler Universität in Linz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Arbeits- und Organisationssoziologie, Geschlechterforschung, Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Migration und Gesellschaft.

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Fabienne Décieux

Fabienne Décieux ist Soziologin, sie promoviert zu "Anforderungen und Ansprüchen an und in der (Klein)Kinderbetreuung im städtischen Raum" an der Johannes Kepler Universität in Linz und arbeitet an der Universität Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kritische Gesellschaftsanalyse, Arbeits- und Industriesoziologie, Geschlechterforschung sowie Care

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