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Headergrafik: Ausstellungsplakat „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U, 27.10.18 - 24.02.19. Design: The Laboratory of Manuel Buerger

CMPTR GRRRLZ

22. Januar 2019 Uta C. Schmidt

Großartig – beängstigend – aufregend – schön – politisch – gigantisch – sprachlos – exzeptionell – schrill – lustvoll – beklemmend – mit diesen Gefühlen verlässt man die Ausstellung CMPTR GRRRLZ im Dortmunder U. 23 internationale Künstler*innen verhandeln das Verhältnis von Technologie und Geschlecht in Geschichte und Gegenwart – von den ersten Rechnerinnen bis zu aktuellen Positionen. Die Ausstellung versteht sich als Präsentation von technofeministischen Manifesten mit politischen und ästhetischen Absichten aus den letzten 106 Jahren. Das technische Know-How der Installationen beeindruckt: Wer schon einmal 1 Minute Animationsfilm hergestellt hat, weiß, was hier an Virtuosität aufgeboten wird.

Von der Compute zum „Pink Ghetto“

Man mag die Geschichte gar nicht glauben: Als IBM Frankreich den Philosophen Jacques Perret beauftragte, ein passendes französisches Wort für den englischen „Computer“ zu finden, schlug dieser vor, den Computer mit „ordinateur“ zu übersetzen, ein „Adjektiv, das ‚Gott, der Ordnung in die Welt bringt’ bezeichnet.“ Dann präzisierte er, dass man das Wort besser in seiner weiblichen Form verwenden solle: „ordinatrice“. „Ordinatrice ist sehr gut geeignet, und hat auch den Vorteil, Ihre Maschine deutlich vom Vokabular der Theologie zu unterscheiden“, schrieb Perret in einem Brief vom 16. April 1956. IBM blieb bei der männlichen Form (Pressetext zur Ausstellung CMPTR GRRRLZ). Lange, bevor das Wort „Computer“ eine Maschine beschrieb, bezeichnete es Frauen, die Berechnungen von Hand durchführten, erinnern die beiden Kuratorinnen, Marie Lechner und Inke Arns, in ihrer Timeline zur Ausstellung. Sie führt wie ein historischer Kompass durch die Geschichte der Informatikerinnen. Auch heute stellen Frauen einen Großteil der Beschäftigten in Berufen der Sozialen Medien. Sie bilden das so genannte „Pink Ghetto“, das sich durch Unsichtbarkeit, marginalen Status, Prekariat und niedriges Einkommen auszeichnet.

Feminist killjoy

Mit der provozierenden, doppeldeutigen Zuschreibung „Feminist killjoy“ lädt die Ausstellung uns ein, sich lustvoll auf Technik einzulassen. Und gleichzeitig zielt „Feminist killjoy“ darauf, den heute nahezu ausschließlich männlichen Schöpfern künstlicher Intelligenz gründlich das Spiel zu verderben: In den Anfängen der Computerentwicklung spielten Frauen noch eine wichtige Rolle, ihr Auszug ist historisch datierbar: Er begann mit den 1980er-Jahren, den Personal Computern und der modernen Verknüpfung von Informatik und männlichem Schöpfungsmythos.

Einige Arbeiten machen Spaß, andere machen sprachlos. Einige Arbeiten entführen uns in gigantische utopische Welten, andere in Abgründe. Nie sind die Positionen plakativ, auch wenn die grelle Schnelligkeit einiger Grooves und Moves es vordergründig zu suggerieren scheint. Sie verhalten sich technisch, politisch, kulturell und ästhetisch gleichermaßen. Sie entwickeln eine vielstimmige Narration, die sich im zeitlichen Ablauf entwickelt. Das heißt für den Ausstellungsbesuch: Man muss Zeit mitbringen und sich auf den Erzählfluss der Performances einlassen. Die Bildwelten illustrieren nicht, sondern lassen technofeministische Positionen polyvalent durch die Wahl des Mediums, der Technik, der Rhetorik und der Ästhetik entstehen: Sie lassen Raum für eigene Aneignung und Reflektion.

Referenzen und Räume

Es finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf Kunst: auf Überblendtechniken früher Fotografie und Filmkunst, auf Oskar Schlemmers Triadisches Ballett, auf kubistische Porträts oder auf Collagen von Hannah Höch. Figurinen präsentieren sich, kunstvoll ausgeleuchtet, als ethnologische Funde und die zur Schau gestellte „Belgrader Hand“ umgibt die Aura eines mittelalterlichen Armreliquiars. Wieder andere Arbeiten spielen hintersinnig mit Medienformaten: mit Tutorials, mit Koch- oder DIY-Shows. Einige Positionen thematisieren die Geografie des Internets und diskutieren Netzwerkkonzepte zwischen demokratischer Organisation und Architekturen der Kontrolle. Mit dem Wissensfundus afrikanischer Philosophien wird das Internet an anderer Stelle als machtbesetztes Werkzeug eines kulturellen Imperialismus kritisiert und dekolonialisiert.

Als Gesamtkunstwerk eine Augenweide

Die Kuratorinnen zeigen großes Gespür bei ihrer Ausstellungsinszenierung. Deshalb ist sie als Gesamtkunstwerk eine Augenweide. Die Arbeiten mit ihren zwei- und dreidimensionalen Qualitäten sind so angeordnet, dass Blickachsen zwischen virtuellen und physischen Räumen entstehen: Bewegte Bilder korrespondieren mit meditativen, feinen pastelligen Aquarellzeichnungen und raumgreifenden Skulpturen. Ein kleines, zweisprachiges Begleitheft versammelt die 23 Positionen der Ausstellung. Es vermittelt technische und kulturelle Hintergrundinformationen zu den einzelnen Installationen. Vor allem aber dokumentiert es die historische Recherchearbeit von Inke Arns und Marie Lechner zu Computer Girls. Aus der Geschichte entwickeln sie eine politische und eine ästhetische Haltung für ihre Kuratorinnentätigkeit. Es ist eine Frauengeschichte, mit der sie die Hierarchisierung und Vergeschlechtlichung von Computern, Internet und Künstlicher Intelligenz als Inszenierung des Männlichen und als Marginalisierung des Weiblichen provozieren.

Bis zum 24. Februar 2019 zeigt der Hartware MedienKunstVerein in Kooperation mit La Gaîtè Lyrique aus Paris die Ausstellung „CMPTR GRRRLZ“ im Dortmunder U.

Beteiligte Künstler*innen

Morehshin Allahyari, Manetta Berends, Zach Blas & Jemima Wyman, Nadja Buttendorf, Elisabeth Caravella, Jennifer Chan, Aleksandra Domanović, Louise Drulhe, Darsha Hewitt, Lauren Huret, Hyphen-Labs, Dasha Ilina, Mary Maggic, Caroline Martel, Lauren Moffatt, Simone C. Niquille, Jenny Odell, Elisa Giardina Papa, Tabita Rezaire, Erica Scourti, Suzanne Treister, Lu Yang

Zitation: Uta C. Schmidt: CMPTR GRRRLZ, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 22.01.2019, www.gender-blog.de/beitrag/cmptr-grrrlz/

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© Headergrafik: Ausstellungsplakat „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U, 27.10.18 - 24.02.19. Design: The Laboratory of Manuel Buerger

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitarbeiterin der Website frauen/ruhr/geschichte und Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie.100 Jahre Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet“ als Teil des Verbundprojektes „100 jahre bauhaus im westen“; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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