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Fußball, Leistung, Männlichkeit. Oder: Ein feministischer Fußball ist möglich!

12. Mai 2020 Friederike Faust

In diesem Jahr feiert der Frauenfußball sein 50-jähriges offizielles Bestehen. Das ist nicht nur ein guter Grund, den mutigen Pionierinnen auf dem Rasen und in den Verbänden zu gratulieren. Es ist auch ein Anlass, die Kritik am modernen Fußball ernst zu nehmen. Ob Korruption und Wettskandale, überbordende Kommerzialisierung und Gewalt gegen Schiedsrichter*innen oder Rassismus und Homophobie auf den Tribünen – die negativen Konsequenzen des sportlichen Leistungsstrebens sind nicht mehr zu übersehen. Auch ist die Sorge berechtigt, dass sie nicht auf den Männerfußball beschränkt bleiben, sondern mit fortschreitender Popularität des Frauenfußballs auch diesen erfassen. Die gute Nachricht ist: Ein anderer Fußball ist möglich! Gegenwärtig wird er vor allem abseits der Verbände und Vereine von politisch motivierten Fußballer*innen organisiert. Neben LGBTI-Turnieren oder antirassistischen Fußballfestivals wird auch an feministisch inspirierten Alternativen gearbeitet. Dieser Beitrag widmet sich der frauenbewegten und feministischen Kritik am modernen Fußball und zeigt Möglichkeiten, wie Konkurrenz und Wettstreit zugunsten von Solidarität und Gemeinschaft dezentriert werden können.

Fußball zwischen Wettstreit und Gemeinschaftlichkeit

Was zunächst unvereinbar klingt – Fußball und Feminismus – entpuppt sich als grundlegende Spannung des modernen Fußballs: Zum einen ist er gekennzeichnet von Wettkampf, Konkurrenz und Leistungsoptimierung, zum anderen fördert er Begegnung, Gemeinschaft und Zusammenhalt über soziale Grenzen hinweg. Der Verbandsfußball, wie er momentan in den großen Stadien ausgespielt und vermarktet wird, gewichtet Leistungsstreben und Konkurrenzkampf deutlich höher, denn schließlich lassen sich damit Spannung erzeugen, Emotionen schüren und Geld verdienen. Doch was, wenn wir das Spannungsverhältnis zugunsten der vergemeinschaftenden Dimensionen verschieben? Wie könnte ein Fußball aussehen, der Gemeinschaft und Begegnung, gar feministische Solidarität und gegenseitige Befähigung in den Vordergrund rückt?

Als Kulturanthopologin habe ich mehrere Jahre lang eine Frauenfußballorganisation begleitet, die sich im und über den Fußball für Frauenrechte, Empowerment und Geschlechtergerechtigkeit engagiert. Zu diesem Zweck veranstalten die Fußballaktivistinnen alle zwei Jahre ein internationales Frauen-Fußball-Kultur-Festival in Berlin. Neben einem bunten Kulturprogramm, thematischen Workshops und einem Mädchen-Fußballtraining, spielen die angereisten Teams aus der ganzen Welt ein Kleinfeldturnier aus. Während dies in den Anfängen strikt den Regeln des internationalen Fußballs folgte, störten sich die Organisatorinnen bald an den negativen Effekten des Wettkampfes: Die Konkurrenz unter den Teams und die Selektion von stärkeren und schwächeren Spielerinnen innerhalb der Frauschaften konterkarierten immer wieder die ausgelassene und freundschaftliche Stimmung des Festivals, sie bedrohten ihre Ziele von gegenseitiger Befähigung und Solidarität. Nach und nach begannen die Aktivistinnen, die bekannte Folie des Verbandsfußballs zu modellieren.

Feministisch Fußball spielen

Zunächst mischten sie die angereisten Teams neu und benannten sie nach Farben. So spielen bis zu vier verschiedene Nationalitäten in einem Team, das jeweils von einem bi-nationalen Trainer*innen-Tandem geleitet wurde. Statt „Afghanistan “ gegen „Iran“ treten nun „Grün“ gegen „Rot“ an. Bislang fremde Spielerinnen, die gar offiziell miteinander befeindeten Nationen angehören, wachsen dadurch zu neuen Teams zusammen; zugleich ist jede Spielerin angehalten, ihre Solidarität zwischen dem eigenen Team und jenen Teams, in denen nun ihre originären Mitspielerinnen spielen, aufzuteilen.

Neben den gängigen Regeln eines Kleinfeldturniers schreiben die Organisatorinnen besonders faires, sprich verletzungsrisikoarmes Spiel ohne Beleidigungen sowie eine gerechte Verteilung von Spieleinsätzen vor. Der zweite Punkt soll sicherstellen, dass alle Spielerinnen in den neugemischten Teams genügend Spielmöglichkeiten erhalten und schwächere Spielerinnen nicht aus Ehrgeiz auf die Ersatzbank verbannt werden. Die Trainer*innen werden zudem angehalten, selbst die Initiative für faires Spielen zu ergreifen, indem sie der Schiedsrichterin zuvorkommen und aggressive Spielerinnen kurzzeitig auswechseln.

Die Sieger*innenehrung gipfelt schließlich nicht in der Kür des erfolgreichsten Teams, sondern im Fair-Play-Team, also jenem Team, das am besten für gute Stimmung gesorgt und sich besonders fair und solidarisch gezeigt hat. Die Ehrung verschiebt so das Ziel des Festivals von Sieg und Kräftemessen hin zu Fairness und Miteinander. Als fußballerische Leistung gelten damit nicht allein physisches Können und Stärke, sondern solidarisches, sich gegenseitig unterstützendes Verhalten, kurz: Miteinander und Solidarität statt Gegeneinander. So dezentrieren die Aktivist*innen den wettkämpferischen Konkurrenzkampf und stärken zugleich das emanzipative Potenzial fußballerischer Begegnungen, ohne dabei den Spaß am Spiel zu verlieren (vgl. Faust 2019).

Eine feministische Sportkritik

Das Festival schließt damit an jene frauenbewegte Kritik am modernen Sport an, die in den 1980er-Jahren zur Entwicklung eines frauen- und mädchenparteilichen Sports beigetragen hatte. Obwohl die feministische und frauenbewegte Auseinandersetzung mit Sport vielfältig und umfassend ist, scheint mir dieser Aktions- und Diskussionsstrang aufgrund seiner Kritik des Leistungsprimats besonders geeignet, um den gegenwärtigen Verbandsfußball zu hinterfragen. Damals entwickelten Frauen und Lesben an der Schnittstelle von Frauenbewegung und Sportwissenschaften eine feministische Sport- und Bewegungskultur. Pionierinnen wie Gertrud Pfister, Sabine Kröner, Birgit Palzkill und Gabriele Sobiech zeichneten den Sport als hochgradig vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende Praxis. Fußball diente schließlich bereits in seinen angelsächsischen Anfängen dazu, vorgeblich typisch männliche Eigenschaften wie Mut, Härte, Teamgeist, Taktik, Risikobereitschaft und Ausdauer zu erlernen und zu erproben (Hagemann-White 1993:77; Dunning 1994; Brändle und Koller 2002). Bis heute geschieht die Marginalisierung von Frauen im Fußball über die Verbindung von Leistung und Körper, denn Frauenkörper und/oder -charakter gelten als nicht zu gleicher Leistung fähig (Pfister 2006; Müller 2007; Heckemeyer 2018). Zugleich basiert auch gegenwärtig die Deutung von schlechter, guter oder gar Höchstleistung auf bestimmten sozialen und biologischen Körpernormen vom jungen, fitten, weißen, cis-männlichen Körper.

Höher – schneller – weiter?

Diese Norm hat sich als impliziter Maßstab in den Fußball eingeschrieben und wird durch das Format des Wettkampfes – das direkte Gegeneinander-Antreten, das Messen und Auswerten von Torchancen und Zweikämpfen, das Erstellen von Tabellen und Ranglisten etc. – im Verbandsfußball institutionalisiert. Dominanzstreben, das Produzieren von Sieg und Niederlage, Erfolgsorientierung und körperliche Manipulationen fußen jedoch auf einem instrumentellen, fortschrittsorientierten Körper- und Weltbild, das Körper und Welt als beherrsch- und messbar konzipiert und entscheidend das hierarchische zweigeschlechtliche System legitimiert. So gilt es auch im Sport, Körper und seine Möglichkeiten beständig zu optimieren: höher – schneller – weiter! (Bennett u. a. 1987; Palzkill 1989; Kugelmann 1993). Frauen, die sich in männlich konnotierte Sportarten vorwagen, müssen sich dieser technologischen Rationalität unterordnen und sich entsprechend behaupten (Kröner 1987; Palzkill 1995). Diesem Sportverständnis halten die Autor*innen eine frauenparteiliche Bewegungskultur entgegen, die an den sozialen Lebensrealitäten von Frauen ansetzt: Um befähigend und ermutigend zu wirken, solle auf körperliche Grenzen und Bedürfnisse eingegangen werden, anstatt sie zu überschreiten. Der Spaß an Bewegung und den eigenen körperlichen Möglichkeiten solle an die Stelle von Optimierungsdruck treten; und Sporträume sollten frei von Gewalt sein und nicht nur die talentierten und fitten Körper willkommen heißen (Kugelmann 1993; Bischoff 1993; Theberge 1994; Palzkill 1995).

Ein anderer Fußball ist möglich

Wenn gegenwärtig der Frauenfußball nicht nur gefeiert, sondern im gleichen Atemzug auch die negativen Auswüchse des fußballerischen Leistungsprimats kritisiert werden, so gilt es, sich vor Augen zu führen: Ein anderer Fußball ist nicht nur möglich, es gibt ihn bereits. Er wird auf Graswurzelebene gespielt und speist seine Ideale und Motivation auch aus der feministischen Kritik. Welchen Stellenwert er in der Zukunft einnehmen wird, hängt maßgeblich von der verbandsinternen Geschlechterpolitik ab sowie von den Bestrebungen, Fußball außerhalb der Verbandsstrukturen zu etablieren.

Als Geschlechter- und Sportforschende können wir jedoch den analytischen Fokus auf jene kreativen Gegenentwürfe zum männlich konnotierten Verbandsfußball richten. Dabei gilt es stets zu fragen, wie die fußballerischen Praktiken mit einer androzentrischen Gesellschaftsordnung verwoben sind: Welche befähigenden und emanzipativen Wirkungen erzielen sie? Aber auch: Wie sind sie möglichweise mit unliebsamen Machteffekten verflochten? Mit einer solchen Forschungsperspektive tragen wir zu jener feministisch-aktivistischen und sportlichen Arbeit an Alternativen bei und helfen mit, dass die Imaginationen des ‚besseren’ Fußballs irgendwann den Status des Utopischen verlieren und zu einer realistischen, breitenwirksamen Möglichkeit werden.

Literatur

Bennett, Roberta S. u. a. (1987) Changing the rules of the game: reflections toward a feminist analysis of sport. Women´s Studies International Forum 10(4): 369–379.

Bischoff, Susanne (Hrsg.) (1993) Auf Bäume klettern ist politisch: Texte aus der feministischen Bewegungs- und Sportkultur. Hamburg: Frühlings Erwachen.

Brändle, Fabian und Christian Koller (2002) Goal!!! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich: Orell Füssli.

Dunning, Eric (1994) Sport as a male preserve: Notes on the social sources of masculine Identity and its transformations. In: Susan Birrell und Cheryl L. Cole (Hrsg.), Women, sport, and culture. S. 163–178. Champaign: Human Kinetics.

Faust, Friederike (2019) Fußball und Feminismus eine Ethnografie geschlechterpolitischer Interventionen. Opladen, Toronto: Budrich UniPress. https://doi.org/10.2307/j.ctvpmw4ct

Hagemann-White, Carol (1993) Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen einer theoretischen Einsicht. Feministische Studien 11(2): 68–78.

Heckemeyer, Karolin (2018) Leistungsklassen und Geschlechtertests: die heteronormative Logik des Sports. Bielefeld: transcript.

Kröner, Sabine (1987) Technikfortschritt und weiblicher Körper im Sport. Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 20: 113–122.

Kugelmann, Claudia (1993) Sport für Frauen - Raum für Frauen? Feministische Studien 11(2): 140–144.

Müller, Marion (2007) Das Geschlecht des Fußballs – Zur „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ im Fußball. Sport und Gesellschaft - Sport and Society 4(2): 113–141.

Palzkill, Birgit (1995) Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh: die Entwicklung lesbischer Identität im Sport. München: Verlag Frauenoffensive.

Palzkill, Birgit (1989) Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh: Die Entwicklung einer Identität und Existenz als lesbische Frau im Sport. Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 12(25/26): 151–160.

Pfister, Gertrud (2006) „Auf den Leib geschrieben“ - Körper, Sport und Geschlecht aus historischer Perspektive. In: Ilse Hartmann-Tews, Bettina Rulofs und Dorothee Alfermann (Hrsg.), Handbuch Sport und Geschlecht. S. 26–39. Schorndorf: Hofmann.

Theberge, Nancy (1994) Towards a feminist alternative to sport as a male preserve. Quest 37(2): 193-202. 

Zitation: Friederike Faust: Fußball, Leistung, Männlichkeit. Oder: Ein feministischer Fußball ist möglich!, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 12.05.2020, www.gender-blog.de/beitrag/ein-feministischer-fussball-ist-moeglich/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200512

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Dr. Friederike Faust

Dr. Friederike Faust ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Geschlecht und Sport, Soziale Bewegungen und NGOs sowie die kulturanthropologische Politik- und Rechtsforschung. Ihre Monographie "Fußball und Feminismus. Eine Ethnographie geschlechterpolitischer Interventionen" ist 2019 bei Budrich UniPress erschienen.

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