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Ein „Roman zum Wohlfühlen“? Karen Köhlers Miroloi und misogyne Literaturkritik

11. Mai 2021 Jara Schmidt

Karen Köhlers Romandebüt Miroloi (2019) ist dem Titel nach ein Toten- oder Klagelied. In diesem berichtet die adoleszente Protagonistin in 128 Strophen vom konfliktgeladenen wie restriktiven Leben innerhalb einer patriarchalen Inselgemeinschaft, in der sie als Person unbekannter Herkunft „eigentlich nicht vorgesehen“ (S. 28) ist. Die fiktive, zeitlose Erzählung wird implizit mit außerliterarischen feministischen Diskursen verwoben, die derzeit in den Medien prominent verhandelt werden. Doch die Darstellung einer dystopischen wie misogynen Gesellschaft wird in der Literaturkritik sehr unterschiedlich besprochen: Bei den Rezensierenden scheint sich – wie in Miroloi – ein Graben zwischen den Geschlechtern aufzutun.

Ausgegrenzt, unterdrückt und ‚anders‘

Niemand weiß, woher die zunächst namenlose Protagonistin ursprünglich kommt, die meisten Inselbewohner*innen dulden sie nur widerwillig und behandeln sie feindselig. Während das Mädchen von ihrem Ziehvater heimlich das Lesen lernt und damit eine Bildung erhält, die Frauen auf der Insel verwehrt wird, hinterfragt es zunehmend die starren gesellschaftlichen Regeln und Strukturen. Ein weiterer Reifeprozess wird mit dem sexuellen Erwachen und der ersten Liebe der Icherzählerin initiiert.

Der Text ist geprägt von Erfahrungen der Ausgrenzung und Unterdrückung – aufgrund genderspezifischer Restriktionen und der vermeintlichen Andersartigkeit der Protagonistin. Von den Dorfbewohner*innen als „hässlich“ (S. 9) wahrgenommen, erfüllt diese per se nicht die Funktion, die Frauen in patriarchalen Gesellschaften zugedacht wird, nämlich zu gefallen.

Der Literaturkritik unwürdig?

In der ‚Literaturdebatte‘ um Miroloi scheint eine der im Roman zentralen Fragen auf einer Metaebene weiter diskutiert zu werden, nämlich, was man (oder vielmehr: frau) mit Buchstaben alles tun darf. Während Jan Drees im Deutschlandfunk fragt, ob Köhlers Buch „ein Totenlied auf nicht mehr existierende Formen der Misogynie“ sei und von einer „erschütternd naiven Sprache“ sowie einer „nicht nachvollziehbaren Kapitelfolge“ spricht, wird der Roman von Lisa Kreißler im NDR als Buch des Monats rezensiert: Köhler mache sich „stark für die politische Kraft der Erzählung“ und habe mit ihrem „eigenständigen Urtext […] eine Parabel über die Freiheit geschrieben“. Nadja Erb, Rezensentin der Frankfurter Rundschau, findet, der Roman werde „erstaunlich aggressiv kritisiert“, erzähle er doch „klug und spannend von einer Selbstbefreiung“. Die Heftigkeit der Verrisse der „vornehmlich männlichen“ Kritiker kulminiere „in der Frage, ob das Werk […] denn überhaupt noch Literatur sei“.

Unverhohlene Misogynie, auch in der Literaturkritik

Die in Miroloi dystopisch zugespitzt dargestellte Misogynie und der gesellschaftliche Gender Gap wird in der Literaturkritik fortgeschrieben und richtet sich dabei nicht nur gegen den Text, sondern auch gegen die Leserinnen und die Autorin. So stellt etwa Burkhard Müller in der Zeit fest, der Roman lade „den Leser und noch mehr die Leserin ein, sich mit dem Kampf einer unterdrückten Frau gegen das Patriarchat zu identifizieren“ [Kursivierung J. S.]. Und Moritz Baßler, Professor für Literaturwissenschaft und Rezensent der taz, meint, Köhlers „Roman zum Wohlfühlen“ werde „seine Leserinnen finden, und sie werden [das Buch] lieben, denn erstens ist es so ergreifend wie liegestuhltauglich“ und zweitens liefere es einen „gut verdaulichen Feminismus“. Baßler führt hier nicht nur weibliche Lesende vor, auch macht er es sich mit seiner Kritik zu einfach – die von Köhler thematisierten misogynen Belange sowie Alteritätsdiskurse werden so ignoriert. Was er als einen „kindlichen Bullerbü-Ton“ liest, kann laut Erb als sprachlicher Lernprozess der Protagonistin aufgefasst werden, der oft „eine poetische Kraft entfaltet“. Ihr zufolge erzählt Miroloi „eine mitreißende Geschichte von Menschwerdung und Selbstermächtigung gegen alle Widerstände“, die dadurch, dass sie „in einen feministischen Zeitgeist passt“, nicht weniger lesenswert ist.

(Ent-)Mystifizierung weiblicher Sexualität

Zu den gängigsten wie wirkungsmächtigsten misogynen Manövern gehören die sexuelle Unterdrückung der Frau und die Mystifizierung der weiblichen Sexualität. So wundert es wenig, dass Köhlers Roman gerade in diesem Zusammenhang den Spott der Kritiker auf sich zieht: Die Protagonistin, die aufgrund ihrer mangelnden Bildung nicht immer alles zu benennen weiß, greift gelegentlich zu kreativen Wortschöpfungen, die entweder deskriptiv – etwa „Tausendaugen“ (S. 41) für die überwachenden Dörfler*innen – oder assoziativ sind, wie im Kontext ihres sexuellen Erwachens: Nachdem eine Freundin ihr nicht nur das Küssen zeigt, sondern auch noch Masturbation erklärt, geht die Icherzählerin in dieser neu entdeckten Leidenschaft zu sich selbst völlig auf und möchte diese körperliche Selbstfindung benennen. In Ermangelung eines erlernten Wortes gibt sie ihrer Vulva deshalb „einen eigenen Namen. Blume. Meine Blume mit der Knospe“ (S. 187).

Rezensent Baßler mokiert sich über die Beschreibung dieser Selbsterkenntnis als sexuelles Wesen wie folgt: „Ja, wir leiden und freuen uns mit der namenlosen jungen Frau, die dann doch einen Namen bekommt – geheim geheim! – und eine Klitoris, es ist ja ein Buch für Erwachsene, trotz allem.“ Das als Schambereich tabuisierte weibliche Geschlecht, das offenbar noch immer Unbehagen auslöst, steht in Köhlers Roman in seiner Nichtbenennung pars pro toto für das Stummmachen der weiblichen Figuren. Man(n) mag die Szene der Selbstentdeckung verkitscht finden, doch eine Entmystifizierung des weiblichen Geschlechts ist auch im 21. Jahrhundert noch lange nicht vollzogen (vgl. Lachner 2020).

Bezüge zu aktuellen Diskursen

Laut Ursula März (Deutschlandfunk Kultur) „entfaltet sich Köhlers Roman zu einem politisch aktuellen Plädoyer für die Errungenschaften der Zivilisation, für Menschenwürde und Selbstbestimmung“. Die fiktive Insel zeichne „das Drohbild einer entzivilisierten Gesellschaft“ und sei dabei „weniger fern und fiktiv als wir glauben möchten“. Diese Feststellung trifft insbesondere hinsichtlich der im Roman inszenierten misogynen Manöver zu, die nach dem Tod des Ziehvaters noch eskalieren und den Frauen immer weniger Handlungsspielraum lassen: Neue Gesetze werden erlassen, gemäß derer alle Frauen fortan Mundschutz und Kopftuch tragen müssen und nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr vor die Tür gehen dürfen – nicht der Mann muss also seine Triebe zügeln, sondern die Frau soll sich verhüllen und verstecken. Zum einen stellt Köhler damit einen Bezug zur ‚Kopftuch-Debatte‘ her sowie zum anderen zur sogenannten Rape Culture, die Frauen aufgrund ihrer ‚Reize‘ in die Verantwortung zieht und nicht die übergriffigen Männer.

Ferner lässt die Figur der Icherzählerin Bezüge zu aktuellen intersektionalen feministischen Debatten zu, denn sie erlebt eine Diskriminierung sowohl aufgrund von Othering als auch aufgrund ihres Geschlechts. Sie fungiert somit als Stellvertreterinnenfigur für Frauen, die in westlichen Gesellschaften mit einer solchen intersektionalen Diskriminierung zu kämpfen haben. Auch rekurriert ihr Stigma der ungewissen Herkunft auf den Status vieler Geflüchteter in Europa. In deren Fall besteht zwar kein Zweifel an der Fluchtmigration, doch wer seine Herkunft und die damit verbundene Bedrohung nicht sicher nachweisen kann, dessen Zukunft ist so ungewiss wie unsicher.

Deutlich wird, dass Miroloi, selbst wenn Urteile über ästhetische Kriterien weit auseinandergehen mögen, wichtige aktuelle Diskurse aufgreift und somit allemal einer angemessenen Literaturkritik würdig ist – einer Kritik, die die im Roman dystopisch inszenierten misogynen Manöver gesellschaftskritisch einordnet und reflektiert, anstatt sie fortzuschreiben.

Frauenfeindliche Klischees vermeiden

Dass feministische Widerstände auch außerliterarisch nicht an Dringlichkeit verloren haben, hat sich in den letzten Wochen u. a. an dem Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention gezeigt, der den Schutz von Frauen akut gefährdet, oder auch an dem Fall der in London ermordeten Sarah Everard, der einmal mehr erschütternd deutlich machte, dass Frauen im öffentlichen Stadtraum nicht sicher sind. Und so fragt Nicole Seifert in ihrem Blogbeitrag zu Misogynie in der Literaturkritik zu Recht: „Soll man lachen oder weinen angesichts so viel Unkenntnis der aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland und der historisch gewachsenen Strukturen, die ihr zugrunde liegen?“ Die Kenntnis anderer internationaler dystopischer wie utopischer feministischer Romane – beispielsweise Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale oder Naomi Aldermans The Power – hätte den Kritikern eine Einordnung von Köhlers Roman und damit „eine angemessene Auseinandersetzung ermöglicht“, so Seifert. Selbstverständlich könne jedes Buch verrissen werden, jedoch sollte dabei die Reproduktion frauenfeindlicher Klischees vermieden werden.

Literatur

Baßler, Moritz (2019). Schönheit, Stil und Geschmack. Neue Maßstäbe der Gegenwartsliteratur. Zugriff am 17. November 2020 unter https://taz.de/Neue-Massstaebe-der-Gegenwartsliteratur/!5615852/.

Drees, Jan (2019). Klagelied für die Literatur. Karen Köhler: „Miroloi“. Zugriff am 17. November 2020 unter www.deutschlandfunk.de/karen-koehler-miroloi-klagelied-fuer-die-literatur.700.de.html?dram:article_id=456679.

Erb, Nadja (2019). „Miroloi“ von Karen Köhler: Ein Mädchen singt sich ein Totenlied. Zugriff am 17. November 2020 unter www.fr.de/kultur/literatur/miroloi-karen-koehler-maedchen-singt-sich-totenlied-12990154.html.

Höppner, Stephanie (2021). Alleine in der Dunkelheit. Nach dem Mord an Sarah Everard: Für Frauen ist die Angst normal. Zugriff am 9. April 2021 unter https://www.focus.de/perspektiven/gesellschaft-gestalten/alleine-in-der-dunkelheit-nach-dem-mord-an-sarah-everard-fuer-frauen-ist-die-angst-normal_id_13091584.html.

Köhler, Karen (2019). Miroloi. München: Carl Hanser Verlag.

Kreißler, Lisa (2019). NDR Buch des Monats: Eine Parabel über Freiheit. „Miroloi“ von Karen Köhler. Zugriff am 3. Januar 2020 unter www.ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats/Miroloi-von-Karen-Koehler-Buch-des-Monats-August,miroloi100.html. Link nicht mehr verfügbar.

Lachner, Theresa (2020). Warum wir uns mit der Mystifizierung des Weiblichen keinen Gefallen tun. Zugriff am 17. November 2020 unter https://editionf.com/warum-wir-uns-mit-der-mystifizierung-des-weiblichen-keinen-gefallen-tun/.

März, Ursula (2019). Drohbild einer entzivilisierten Gesellschaft. Karen Köhler: „Miroloi“. Zugriff am 17. November 2020 unter www.deutschlandfunkkultur.de/karen-koehler-miroloi-drohbild-einer-entzivilisierten.1270.de.html?dram:article_id=457237.

Müller, Burkhard (2019). Hier stellt sich jemand dumm. Karen Köhlers ärgerlicher Roman „Miroloi“ über weibliche Rebellion in einer archaischen Männerwelt. Zugriff am 17. November 2020 unter www.zeit.de/2019/35/miroloi-karen-koehler-patriarchat-feminismus-roman.

Seifert, Nicole (2021). Schweig, Autorin – Misogynie in der Literaturkritik. Zugriff am 9. April 2021 unter https://www.54books.de/schweig-autorin-misogynie-in-der-literaturkritik/.

Tagesschau (2021). Austritt aus Istanbul-Konvention. „Gefährliche Botschaft an die ganze Welt“. Zugriff am 9. April 2021 unter https://www.tagesschau.de/ausland/asien/istanbul-konvention-107.html.

Zitation: Jara Schmidt: Ein „Roman zum Wohlfühlen“? Karen Köhlers Miroloi und misogyne Literaturkritik, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 11.05.2021, www.gender-blog.de/beitrag/karen-koehlers-miroloi/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210511

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Jara Schmidt

Jara Schmidt promovierte in der Interkulturellen Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Sie koordiniert das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk "Widerständige Praxen. Postmigration in Literatur, Medien und Sprache der Gegenwart", das zur Erforschung postmigrantischer Diskurse beiträgt und dabei insbesondere Diskriminierungsrealitäten, Widerstandspraxen und eine künstlerische Wehrhaftigkeit Marginalisierter in den Fokus rückt.

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