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Freeze the egg, freeze the responsibility? Reproduktionsmedizin und ‚Social Freezing‘

31. März 2020 Julia Feiler

Seit einigen Jahren hält sich ein öffentlicher Diskurs über ‚Social Freezing‘, das vorsorgliche Einfrieren weiblicher Eizellen zum späteren ‚Gebrauch‘. Dabei werden Themen wie späte Mutterschaft, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Thema Kinderwunsch diskutiert. Doch wie sieht es innerhalb der Profession der Reproduktionsmedizin aus, in der die Methode der Kryokonservierung menschlichen Fortpflanzungsmaterials aus medizinischen Gründen längst zum Standard-Repertoire gehört? Wie sprechen praktizierende Mediziner_innen selbst über ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wird?

Die drei Bezugsprobleme in der Reproduktionsmedizin

Basis meiner Forschung, die dieser Frage nachgeht, ist eine Kombination aus Interviews mit Reproduktionsmediziner_innen, der Analyse von Websites zu ‚Social Freezing‘ und teilnehmenden Beobachtungen reproduktionsmedizinischer Fachveranstaltungen (Feiler 2020).

Drei unterschiedliche Bezugspunkte, anhand derer die Reproduktionsmediziner_innen ‚Social Freezing‘ verhandeln, lassen sich herausarbeiten: Moral, Risiko und Verantwortung. Entlang dieser Bezugsprobleme diskutieren die Mediziner_innen die verschiedenen Dimensionen, die für sie relevant sind, und erzeugen so ein ganz spezifisches Bild dessen, wie ‚Social Freezing‘ im deutschsprachigen reproduktionsmedizinischen Diskurs beschrieben, bewertet und praktiziert wird, kurz: was ‚Social Freezing‘ bedeutet. Der reproduktionsmedizinische Diskurs ist dabei keinesfalls losgelöst oder isoliert von anderen Diskursen (Foucault 1991) wie beispielsweise einem öffentlichen Mediendiskurs. Ganz im Gegenteil: er ist der Ort, an dem machtvoll (und normativ aufgeladen) Wahrheit und Wissen etwa über weibliche Körper, deren Biologie, deren Alter(n) und deren Reproduktionsfähigkeit, aber auch über den Einsatz von Technologie produziert wird.

Social Freezing: eine Frage der reproduktionsmedizinischen Moral?

Das Bezugsproblem Moral wird immer vor allem dann sichtbar, wenn Reproduktionsmediziner_innen über sich selbst sprechen. Die Profession muss, wie viele andere medizinische Disziplinen zwischen kurativer und wunscherfüllender Medizin (vgl. Kettner 2009), damit umgehen, dass sie im Lichte öffentlicher Aufmerksamkeit  praktiziert (Villa 2011 oder Meili 2008).

Dabei scheint für die Mediziner_innen die Frage im Mittelpunkt zu stehen, wann Technologie legitim und für sie damit moralisch vertretbar eingesetzt werden kann. Im Falle von ‚Social Freezing‘ machen sie vielfach die Entscheidung davon abhängig, wie medizinisch notwendig der Einsatz der Technologie ist. Ein prominentes Narrativ nimmt beispielsweise Bezug auf die Fruchtbarkeitsbewahrung von jungen Krebspatient_innen, die durch eine Medikamenten- oder Chemotherapie um den Verlust ihrer Fruchtbarkeit fürchten müssen. In diesem Fall wird das Motiv als medizinisch notwendig beschrieben und erscheint somit für die Mediziner_innen durchgehend als legitim.

Die große Bedeutung des Begriffs ‚Social Freezing‘ im deutschsprachigen Raum entfaltet sich aber gerade dort, wo die Technologie nicht aus medizinischen, sondern aus sozialen oder aus so genannten Lifestyle-Motiven eingesetzt wird. In diesem Fall, so die Mediziner_innen, sei das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen moralisch anders zu bewerten. Das Sprechen über Lifestyle-Motive geht im Diskurs mit allerhand normativen und stereotypisierten Beschreibungen von Frauen und der Produktion und Reproduktion von Geschlechterrollen einher. Frauen werden als ‚Opfer‘ männlicher Bindungsunfähigkeit, als ‚verzweifelte‘ Singles oder etwa als egoistische ‚Karrierefrauen‘ stilisiert. ‚Social Freezing‘ wird dabei als paradoxe Hoffnung beschrieben, die den Frauen, die es in Anspruch nehmen wollen, ohnehin nicht mehr helfen könne, wenn sie mit 35 Jahren zu alt für Reproduktion und zu alt für eine neue Partnerschaft seien.

Social Freezing: eine Frage altersbedingter Risiken?

Auch das Alter(n) ist ein zentrales Thema im Diskurs, das anhand des zweiten Bezugsproblems, dem des Risikos, diskutiert wird. Es wird hier vor allem im Spannungsfeld zwischen Natur und Technologie die Frage verhandelt, wie weit Technologie gehen darf. Zum einen werden dabei körperliche Risiken besprochen, zum anderen gesellschaftliche Risiken, die laut Reproduktionsmediziner_innen durch ‚Social Freezing‘ entstehen können.

In ihrer Darstellung gehen körperliche Risiken vor allem vom alternden weiblichen Reproduktionsmaterial (v. a. Eizelle, Gebärmutter) aus, das im Diskurs sehr differenziert und kleingliedrig mit je unterschiedlichen Risiken ausgestattet wird. Die Eizelle wird zum Zentrum der Produktion körperlichen Risikos, das Frauen für sich selbst und für ihr ungeborenes Kind abwägen müssen. ‚Social Freezing‘, so wird es häufig dargestellt, kann den Prozess des Alter(n)s und somit auch Risiken anhalten. Der alternde weibliche Körper im Allgemeinen wird als eine Art Container gezeichnet (Richard/Zaremba 2007), dessen Inhalt in Form eines Vorrates im Laufe der Zeit unwiederbringlich seine Funktion verliert und risikoreicher wird. Männliche Fruchtbarkeit wird in bekannter Manier meist als sich stets reproduzierende Kraft dargestellt, die kaum risikoreich sein kann (Martin 1991).

Als gesellschaftliche Risiken werden demographische Gegebenheiten wie das steigende Alter bei der Geburt eines ersten Kindes problematisiert. ‚Social Freezing‘ könne, so die Mediziner_innen, dazu führen, dass Frauen noch einmal deutlich später Mütter werden, als es bisher der Fall war. Vaterschaft wird dabei kaum thematisiert. Späte Mutterschaft hingegen wird sehr emotional aufgeladen, hoch problematisiert und als widernatürliche Nebenwirkung medizinischer Technologie delegitimiert.

Social Freezing: eine Frage verantwortungsbewusster Aufklärung?

Das dritte zentrale Bezugsproblem, das der Verantwortung, liegt quer zu den anderen Bezugsproblemen und wird vor allem in Zusammenhang mit Aufklärung thematisiert. Aufklärung wird als Lösung für die Bezugsprobleme der Moral und des Risikos gesehen und kann gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang der Mediziner_innen mit der Technologie garantieren, so die Erzählungen. Aufklärung wird dabei jenseits alltäglicher medizinischer Aufklärung auch im Sinne einer Bevölkerungsaufklärung verstanden: Junge Menschen sollen dazu erzogen werden, in Sachen Reproduktion ‚das Richtige‘ zu tun (Samerski 2013). Das ‚Richtige‘ besteht laut Reproduktionsmediziner_innen darin, sich bestenfalls früh fortzupflanzen, im Zweifelsfall jedoch früh genug technologisch vorzusorgen, um später nicht ungewollt kinderlos zu bleiben. In jedem Fall jedoch sollen vor allem junge Frauen früh genug über den späteren Verlust ihrer Fruchtbarkeit Bescheid wissen und diesen selbst managen können (Sänger et al. 2013; Kollek/Lemke 2008).

Die Vorschläge, die Bevölkerung ‒ und vor allem junge Frauen ‒ aufzuklären, reichen vom Abfragen eines Kinderwunsches bei Gynäkolog_innen über Aufklärung in Frauenzeitschriften bis hin zur Aufklärung an Schulen. Das Ziel ist, die Figur einer mündigen Patientin zu zeichnen, die weiß, was sie tut und für sich selbst verantwortlich ist.

Damit nehmen sich Mediziner_innen aus der Verantwortung, an den in der Öffentlichkeit medial viel diskutierten, moralisch verwerflichen oder risikoreichen Formen von Mutterschaft Schuld zu sein. Anstelle einer Patientin, die beraten und medizinisch aufgeklärt werden muss, tritt in der Idealvorstellung der Mediziner_innen im Diskurs eine Kundin, die weiß, was sie tut und was sie will. Diese Kundin ist gleichzeitig aber auch (gute) Bürgerin, da sie nicht  aus ‚egoistischen‘ Motiven, sondern auch im Namen des Wohls der Bevölkerung handelt und sich zum richtigen Zeitpunkt fortpflanzt. Eine der größten Paradoxien im reproduktionsmedizinischen Diskurs um ‚Social Freezing‘ besteht darin, dass diese idealisierte Figur der (guten) Bürgerin ‚Social Freezing‘ niemals brauchen wird, weil sie sich früh genug mit einem passenden Partner fortpflanzt.

Begrenzungen einer entgrenzenden Technologie

Der stark normative und ambivalent geführte Diskurs um ‚Social Freezing‘ ist voll von Paradoxien wie der eben beschriebenen. Hier spricht eine Profession über sich selbst, die seit ihrer Entstehung unter öffentlicher Beobachtung die Grenzen dessen verschiebt, was in menschlicher Reproduktion möglich ist. Sei es durch die Erfindung und Etablierung der Pille, der In Vitro Fertilisation oder der Präimplantationsdiagnostik: stets wird öffentlich kontrovers diskutiert, wie weit Medizin und Technologie gehen darf. Das Spannungsfeld der kurativen und wunscherfüllenden Eingriffe ist dabei nicht neu. Und doch scheint es einige der Reproduktionsmediziner_innen besonders aufzubringen, mit dem vorsorglichen Einfrieren unbefruchteter Eizellen ohne medizinischen Grund zu tun zu haben.

Besonders interessant und relevant ist, wie die Dimensionen Geschlecht, Körper, Alter(n), aber auch Natur und Technologie verhandelt werden. Die biopolitische (Foucault 1983) und auch cryopolitische (Radin/Kowal 2017) Macht des Diskurses ist nicht zu übersehen: Gefriermethoden, die einen Status Quo menschlichen Materials erhalten sollen, werden dazu eingesetzt, weibliche Reproduktion zu kontrollieren und zu managen (Sänger/Rödel 2012). Im Idealfall sollen junge Frauen die Technologie allerdings nicht in Anspruch nehmen müssen. Schon der Diskurs um ‚Social Freezing‘ und Aufklärung zum Thema soll statt dessen dazu führen, dass Mutterschaft früh geplant wird. Die Gefriertechnologie soll keineswegs eingesetzt werden, so der reproduktionsmedizinische Diskurs, um Wünsche jenseits gesellschaftlicher Normen zu erfüllen und Kinderwünsche ihrer ‚natürlichen‘ Begrenzung zu entledigen. Mit dieser Form der Erweiterung von Möglichkeiten möchten die Mediziner_innen nicht in Verbindung gebracht werden und konstruieren zu diesem Zwecke retraditionalisierende Bilder von Geschlecht, Alter und Körpern in der Reproduktion.

Das Buch von Julia Feiler „Social Freezing – Reproduktionsmedizin im Spannungsfeld zwischen Risiko, Moral und Verantwortung" ist 2020 in der Reihe Geschlecht & Gesellschaft bei Springer VS erschienen.

Literatur

Feiler, Julia (2020). Social Freezing – Reproduktionsmedizin im Spannungsfeld zwischen Risiko, Moral und Verantwortung. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-28468-8

Foucault, Michel (1983). Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Band 1. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1991 [1974]). Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Kettner, Matthias (Hrsg.). (2009). Wunscherfüllende Medizin. Ärztliche Behandlung im Dienst von Selbstverwirklichung und Lebensplanung. Frankfurt/Main: Campus.

Kollek, Regine & Lemke, Thomas (2008). Der medizinische Blick in die Zukunft. Gesellschaftliche Implikationen prädiktiver Gentests. Frankfurt/Main: Campus.

Martin, Emily (1991). The Egg and the Sperm: How Science Has Constructed a Romance Based on Stereotypical Male-Female Roles. Signs 16(3), 485–501.

Meili, Barbara (2008). Experten der Grenzziehung – Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle. In Paula-Irene Villa (Hrsg.), Schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst (S. 119–142). Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839408896-006

Radin, Joanna & Kowal, Emma (Hrsg.). (2017). Cryopolitics. Frozen life in a melting world. Cambridge/ Massachusetts, London/England: The MIT Press.

Richard, Birgit & Zaremba, Jutta (2007). Hülle und Container. Medizinische Weiblichkeitsbilder im Internet. Paderborn: Fink.

Samerski, Silja (2013). Professioneller Entscheidungsunterricht. Vom Klienten zum mündigen Entscheider. Leviathan 41(1), 144–163. https://doi.org/10.5771/0340-0425-2013-1-144

Sänger, Eva; Dörr, Annalena; Scheunemann, Judith & Treusch Patricia (2013). Embodying Schwangerschaft: pränatales Eltern-Werden im Kontext medizinischer Risikodiskurse und Geschlechternormen. GENDER 5(1), 56–71.

Sänger, Eva & Rödel, Malaika (Hrsg.) (2012). Biopolitik und Geschlecht. Zur Regulierung des Lebendigen. Forum Frauen- und Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Villa, Paula-Irene (2011). Mach mich schön! Geschlecht und Körper als Rohstoff. In Peter Wehling & Willy Viehöver (Hrsg.), Entgrenzung der Medizin. Von der Heilkunst zur Verbesserung des Menschen? (S. 143–161). Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839413197

Zitation: Julia Feiler: Freeze the egg, freeze the responsibility? Reproduktionsmedizin und ‚Social Freezing‘, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 31.03.2020, www.gender-blog.de/beitrag/reproduktionsmedizinischer-diskurs-social-freezing/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200331

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Dr. Julia Feiler

Dr. Julia Feiler ist Postdoc am Munich Center for Technology in Society der Technischen Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender Studies, Körpersoziologie, Science and Technology Studies, Bewertungsdynamiken und Wissensproduktionen neuer Technologien, Biopolitik, Cryopolitics und Biomedizin (v.a. in den Bereichen Reproduktionsmedizin und Genom-Editierung).

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