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Sexismen und Bodyismen innerhalb der schwulen Szene

03. Juli 2018 Lucas Gottsmann

Im Sommer 2016 bot das in der US-Schwulenszene für seine Partykleidung und Unterwäsche bekannte Modelabel „Marek + Richard“ in seinem Onlineshop ein schwarzes Tanktop an, auf dem in großen weißen Lettern zu lesen war: „No Fats No Fems“. Szenenahe Online-Magazine übten daran scharfe Kritik. Die Autor*innen waren sich einig: Das Kleidungsstück ist diskriminierend, es teilt in Anlehnung an den in schwulen Datingportalen üblichen Sprachgebrauch Männer* in rigider Weise in sexuell attraktiv (dünn und ‚maskulin‘) bzw. nicht attraktiv (fett und ‚feminin‘) ein. Dies ist nur ein Beispiel für die bereits gut belegte Vermutung, dass dem Körper und geschlechtlichen Praxen innerhalb der schwulen Szene eine besondere Bedeutung zukommt (vgl. z. B. die Studien von Hertling 2011 und die Umfrage von Sub e. V. 2013).

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der beschriebenen Thematik ist insbesondere aus Perspektive der Sozialen Arbeit geboten. Als „Menschenrechtsprofession“ (Staub-Bernasconi 2007) ist die Soziale Arbeit im Wesentlichen daran interessiert, strukturelle und individuelle „menschenfeindliche Behinderungsmacht“ (ebd.) – wie geschlechtliche Normierungen – zu identifizieren und professionell zu bearbeiten. In diesem Zusammenhang bildet empirisches Wissen bezüglich geschlechtlich-normativer Sozialisationsmechanismen innerhalb der schwulen Szene die Grundlage, um einen lösungsorientierten szeneinternen Dialog anzuregen. Daneben können passgenaue sozialpädagogische Angebote entwickelt werden, die eine weniger normierte geschlechtliche Selbstwerdung unterstützen.

Selbstkategorisierungen

Vor dem Hintergrund einer heteronormativen Mehrheitsgesellschaft und hegemonialen Männlichkeitskonzepten (vgl. Connell 2015; Degele 2008) habe ich mich mit szeneinternen Sexismen und Bodyismen auf Onlinedating-Profilen beschäftigt [1]. In verschiedener Hinsicht ist das Betreiben eines Onlinedating Profils auf einer explizit schwulen Dating-Plattform für den schwulen Adoleszenten* mit Herausforderungen für das geschlechtliche und sexuelle Selbstkonzept verbunden: Er ist durch das Online-Profil nachlesbar und (relativ) persönlich als Individuum geoutet. Die Verschriftlichung der Selbstkategorisierung als schwuler Mann* verweist dabei unweigerlich (bewusst oder unbewusst) auf die Positionierung am unteren Ende der männlichen Hierarchie, wenn die Kategorisierungen und Strukturlogiken hegemonialer Männlichkeit greifen. Gleichzeitig stellt sich das Schwul-Sein als zentrales Moment der schwulen Szene dar (Hertling 2011), welches durch ein festes Kontingent an legitimen visual codes und Praktiken aktiv hervorgebracht werden muss („doing scene“) (Tietz 2003), will das Individuum an der (Online-)Szene partizipieren.

Datingportal PlanetRomeo

Um eine Typik der Männlichkeitskonstruktion schwuler Jungen* und junger Männer* zu entwickeln, habe ich freie Textteile (Selbstbeschreibungen) aus Onlinedating-Profilen schwuler Adoleszenter* zwischen 18 und 25 Jahren vom Datingportal PlanetRomeo (insgesamt ca. 465.000 User* in Deutschland) als Datenmaterial erhoben und in Anlehnung an die Objektive Hermeneutik interpretiert. Ziel war es, sich den gender- und körperbezogenen Elementen in der Konstruktion von Männlichkeit schwuler junger Männer* empirisch anzunähern. Anhand ihrer Selbstbeschreibungen sollten Rückschlüsse auf die Konstruktion (‚normaler‘) schwuler Männlichkeit gezogen werden. Die Betrachtung von Adoleszenten* ist deshalb vielversprechend, da sie sich im Prozess der geschlechtlich-identitären Selbstfindung bewegen. Dabei sind sie bei ihrer Suche nach schwulen Gleichaltrigen und Rollenvorbildern häufig noch offen und unsicher und fast zwangsläufig auf die Szene verwiesen (Hertling 2011).

Die Gewinnung von Datenmaterial aus frei gestaltbaren Textteilen von schwulen Onlinedating-Profilen erwies sich als besonders geeignet, da diese in einem klaren Zusammenhang zur sozialen Dimension des Schwul-Seins stehen. Ferner ist durch das kontextuale Ziel der (Sexual-) Partnersuche ein direkter Bezug zur Dimension body und damit auch ein Verweis auf Männlichkeitspraxen (doing gender) hergestellt. Betrachtet man die freien Textteile zudem als szeneinterne Kommunikation (Hitzler/ Niederbacher 2010), kommt ihnen im Hinblick auf die schwule Szene eine klare Relevanz zu.

„No fat people + I like men“

Unter Rekurs auf einerseits tiefenpsychologische Theoreme der männlich-sozialen Entwicklung (Böhnisch 2013), andererseits auf Überlegungen bezüglich der Konstruktion des männlichen Habitus (Bourdieu 2005) und des Konzeptes der pluralen Männlichkeiten (Connell 2015), bin ich davon ausgegangen, dass sich Männlichkeit überwiegend in Abgrenzung zu ‚dem Weiblichen‘ konstruiert. Daher wurden mit Hilfe der Suchfunktion diejenigen User* der vorselektierten Altersgruppe ausgemacht, die in ihren freien Textteilen die Worte „keine/kein“ oder „no“ benutzt hatten. Dem Prinzip des kontrastierenden Samplings folgend wurden sowohl positive als auch negative Rezeptionen von Wortgebilden wie „No fats, keine Schwuchteln“ in der Gesamtheit der ausgewählten Fälle berücksichtigt. Da im Laufe des beschriebenen Samplingprozesses die breite Verwendung des Begriffes „heterolike“ im Sinne einer Merkmalsbeschreibung auffiel, wurde per Suchfunktion auch explizit nach Textteilen gesucht, die diesen Begriff enthielten. Den beschriebenen Kriterien entsprach schließlich eine im hohen dreistelligen Zahlenbereich verortete Anzahl von Profilen. Die Beschreibung von User* Nr. 17 (18 Jahre) ist exemplarisch: „Must have: Please no fat people + I like men, not half women --> heterolike“.

Gute männliche Normalhomosexualität?

Die in den Selbstbeschreibungen vorgefundenen latenten Sinngehalte implizieren erstens eine Vorstellung von Männlichkeit in vollkommener Divergenz zur Weiblichkeit. In diesem Zusammenhang werden alle Praktiken und Verhaltensweisen abgelehnt, die im Alltagswissen mit dem Label ‚weiblich‘ versehen sind und damit unvereinbar mit dem inkorporierten männlichen Habitus erscheinen. Zweitens orientiert sich die so konstruierte schwule Männlichkeit an dem Ideal der aktuell gültigen hegemonialen Männlichkeit. Dabei bezieht sich diese Orientierung insbesondere auf die spezifische Ausformung des Körpers (body) und eine ‚heterosexuelle‘ Performanz von Männlichkeit. ‚Heterosexuell‘ dient in diesem Kontext als übergeordneter Sinnzusammenhang, unter dem alle Konzepte einer tradiert-klassischen Männlichkeitsvorstellung versammelt sind. ‚Heterolike‘ verweist damit auf eine heteronormative, hegemonial-orientierte schwule Männlichkeitspraxis (doing gender), die in ihrer Ausführung lediglich das explizit heterosexuelle Begehren ausklammert. In Ansätzen erklärbar wird dies dadurch, dass jenes Männlichkeitsbild drittens von den Organisationseliten der Szene bzw. auf deren Events aufgenommen, reproduziert und damit seine Vormachtstellung ‚legitimiert‘ wird (Tietz 2003). Anwendung findet dieses Männlichkeitsbild dabei z. B. in explizit schwulen Printmedien, auf Werbeplakaten in Szeneläden, oder bei Einlasskontrollen für Szenepartys. Das heteronormative hegemonial-orientierte Bild des ‚guten Normalschwulen‘ ist damit breit im (öffentlichen) Szeneraum verankert und omnipräsent.

Die schwule Szene als Schutzraum?

Auch wenn das homophile Begehren grundsätzlich disqualifizierend wirkt, bietet der Körper (im Sinne eines Artefaktes, welches die geschlechtliche Selbstkonstruktion symbolisch pointiert) die Möglichkeit, zumindest die physischen Aspekte hegemonialer Männlichkeit (schlanker muskulöser Körper) aufzugreifen und in der geschlechtlichen Hierarchie der schwulen Bezugsgruppe (und damit auch in der männlichen Metahierarchie) aufzusteigen – frei nach dem Motto „ich bin zwar schwul, aber ansonsten bin ich ein richtiger Mann“. Wie bei der heteronormativen hegemonialen Männlichkeit, wird diese ‚Selbstaufwertung‘ unter Zuhilfenahme von Praxen vollzogen, die die Unterordnung anderer impliziert. Dabei führt die szeneinterne Diskriminierung bzw. Abwertung differenter homosexueller Männlichkeitskonstrukte und Genderpraxen machtperspektivisch zu szeneinternen männlichkeitsbezogenen Bodyismen und Sexismen.

Die homosexuellen Adoleszenten* sind somit auch innerhalb der schwulen Szene rigiden heteronormativen Praxen ausgesetzt und können nur in deren Entsprechung umfängliche Partizipation an (und Akzeptanz in) der Szene erreichen. Will die schwule Szene, insbesondere für homosexuelle Adoleszente*, aus ihrem eigenen historischen Selbstverständnis heraus als sozial-emotionaler Schutzraum agieren, ist sie herausgefordert, die beschriebene Problematik aufzugreifen und zu bearbeiten – eine Beteiligung der Sozialen Arbeit als Handlungspartner*in an diesem Prozess ist aufgrund ihrer theoretischen und praktischen Expertise für soziale Probleme zweifellos lohnend und geboten.

 

[1] Gottsmann, Lucas (2017): „Sei so schwul wie du willst!“ Szeneinterne Diskriminierung homosexueller Männlichkeiten: Ein Plädoyer für die genderbezogene sozialpädagogische Arbeit mit homosexuellen Jungen* und jungen Männern*. Studienleistung an der Katholischen Stiftungshochschule München im Studiengang Soziale Arbeit. München.

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Lucas Gottsmann

Lucas Gottsmann (B. A.) studiert Soziale Arbeit an der KSH München und ist Stipendiat des Max Weber-Programms des Freistaat Bayerns. Sein Forschungsinteresse betrifft insbesondere Männlichkeitskonstruktionen und Homosexualität sowie die Praxis genderorientierter Sozialer Arbeit.

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