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Das ungelöste Problem der Sorge

04. August 2020 Anna Hartmann

Nicht erst seit Corona sind wir mit einer Sorge-Krise konfrontiert. Auch wissen wir von dieser Krise nicht erst seit der Pandemie, auch wenn es derzeit so verhandelt wird. Vielmehr setzen sich Feministinnen bereits seit Jahrzehnten für veränderte Sorge-Verhältnisse ein und die aktuell erkannte ‚Systemrelevanz‘ stellt für sie seither einen Anlass dar, den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Relevanz kritisch zu befragen. So deckten Feministinnen im Kontext der zweiten Frauenbewegung die strukturelle Notwendigkeit von Hausarbeit für die kapitalistische Ökonomie auf und traten mit der Forderung Lohn für Hausarbeit (Biermann/ Bock 1977) für eine grundsätzlich veränderte Vergesellschaftung ein.

Auch in den letzten Jahren ist wieder eine größere feministische Auseinandersetzung um die Frage der Sorge entbrannt. Die Forderung nach einer Care Revolution sowie einer angemessenen Finanzierung der Care-Ökonomie, wie sie etwa 2019 von schweizer Feministinnen gefordert wurde, verweist auf eine seit Jahrzehnten bestehende Kontinuität feministischer Kämpfe um Sorge. Zugleich spiegelt diese seit mehr als fünfzig Jahren anhaltende Debatte die in den letzten Jahrzehnten stattgefundene gesellschafts- und wirtschaftspolitische Transformation sowie den Wandel in den Sorge-Verhältnissen wider. Stand in den 1970er-Jahren ein Sorge-Modell in der Kritik, das im Rahmen der patriarchalen Kleinfamilie die Ehefrau und Mutter als Hausfrau isolierte und vollumfänglich für die Hausarbeit verantwortlich machte (vgl. Chorus 2007: 208; Hartmann 2020), stehen wir heute vor einer gänzlich veränderten Konstellation, die auch von Feministinnen in anderer Weise politisiert wird.

Sorge-Tätigkeiten als Dienstleistungen

Heute werden diese Sorge-Tätigkeiten kaum mehr derart offensichtlich und normativ überfrachtet Frauen zugewiesen. Zudem hat sich die gesamte Organisationsweise der Sorge über un/bezahlte private, öffentliche und privatwirtschaftliche Tätigkeiten sehr stark ausdifferenziert. Sorge-Tätigkeiten verstanden als Dienstleistungen, die heute als öffentliche und/oder privatwirtschaftliche Leistungen angeboten werden, unterliegen einem steigenden Kommodifizierungsdruck, der die Frage nach Wirtschaftlichkeit ins Zentrum der Sorge rückt und somit die Sorge-Bedingungen sowohl für die Sorge-Empfänger/innen als auch die Sorge-Tätigen erschwert und zunehmend verunmöglicht.

Entsorgung der Sorge

Diese Ökonomisierung der Sorge im Kontext neoliberaler Wirtschaftspolitik führt zu einer zunehmenden Entsorgung der Sorge. In einer nach marktwirtschaftlichen Bedingungen organisierten Sorge droht das, was Sorge im Kern auszeichnet – die Beziehung – zu verschwinden. Rückt der Anspruch nach Profitabilität ins Zentrum, schwindet das, was für Sorge-Arbeit ausschlaggebend ist: die Zeit, die für die Ausgestaltung von einer auf Dauer angelegten Beziehung, in der sich die Beteiligten aufeinander einlassen können, vorausgesetzt ist. Standardisierte Sorge-Bedingungen verunmöglichen individuell gestaltete Sorge-Beziehungen.

Damit ist eine grundsätzlichere Frage aufgeworfen, nämlich die nach der gegenseitigen Angewiesenheit der Subjekte, die immer auch in Sorge-Beziehungen aufgefangen wird. Mit Angewiesenheit ist der Umstand gemeint, dass wir in sozialen Bindungen aufwachsen und leben, die uns konstitutiv unverfügbar sind; das heißt, ob der oder die andere da und anwesend ist oder mir gar zur Verfügung steht, bleibt ein Ding der Unverfügbarkeit und ist nicht selbstverständlich. Dieser Umstand betrifft in besonderem Maße die Sorge: Ob mir der Wunsch oder das Bedürfnis nach Sorge zuteil wird, hängt von einem/einer Sorgenden ab, der/die mir unverfügbar ist. Sorge wäre daher als ‚unverfügbare Bindung‘ zu begreifen, in der die Fremdheit der Beteiligten (sich selbst und dem/der anderen gegenüber) zur Geltung kommt und wahrgenommen wird.

Wurde die Angewiesenheit vonseiten des männlichen Subjekts in der fordistischen, patriarchalen Kleinfamilie geleugnet, indem sie der Frau als Hausfrau und Mutter einseitig übertragen wurde, wird sie gegenwärtig in der Tendenz, Sorge-Beziehungen als standardisierte Dienstleitungen auszugestalten, in veränderter, radikalisierter Form geleugnet und ausgeschlossen.

Ungelöste Geschlechterproblematik

In den letzten Jahrzehnten hat ein Wandel in den Geschlechterverhältnissen stattgefunden, der unzweifelhaft Frauen einen größeren Spielraum eröffnete, ein Leben jenseits der eindimensionalen Position der Hausfrau und Mutter zu entwerfen sowie sich in einem größeren Maß an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen zu können. Doch bedingt dies einen neuartigen Geschlechterkonflikt, der im ungelösten Problem der Sorge gründet. Wer soll heute (und unter welchen Bedingungen) Sorge erbringen, wenn für diese immer weniger Zeit zur Verfügung steht? Auch wenn Männer heute offener dafür sind, einen sorgenden Beruf zu ergreifen, löst dies nicht das grundlegende Problem, und nicht allein deshalb, weil es noch zu wenige Männer sind.

Ungelöst bleibt die Frage der Angewiesenheit. Wird die sorgende Beziehung nicht als intersubjektive, unverfügbare Bindung wahrgenommen – als eine Beziehung der Angewiesenheit – und als solche in die symbolische Ordnung integriert (Evans 2002: 299; Soiland 2016), verbleiben wir in einer Ordnung, die die Sorge dethematisiert, an einen Teil der Gesellschaft delegiert und ihm somit grenzenlos überlässt. Jene, die Sorge leisten – und dies sind nach wie vor mehrheitlich Frauen –, werden dabei als grenzenlos und nicht als Subjekte mit einem eigenen Begehren wahrgenommen, die selbst etwas in diesen Beziehungen suchen oder wünschen können bzw. denen diese Beziehungen genauso gut auch zu viel werden können und von denen sie sich abgrenzen müssen oder wollen. Vielmehr besteht die Vorstellung, die Sorgende sei allgewährend anwesend und könne dem/der Sorge-Empfänger/in selbst- und schrankenlos zur Verfügung stehen. Der Umstand der Angewiesenheit, also dass wir in unverfügbaren Sorge-Bindungen leben, bleibt in dieser Vorstellung von Sorge individuell sowie gesellschaftlich ungedacht. Wurde die Angewiesenheit und Sorge in der älteren Ordnung, im Rahmen der patriarchalen Kleinfamilie abgespalten und der weiblichen Position überanwortet, scheint die Angewiesenheit und Sorge heute mit der Tendenz, die Sorge-Beziehung wirtschaftlich und zeitlich optimiert zu gestalten, vielmehr gänzlich zur Disposition zu stehen.

Veränderung. Aber wie?

Ob die Corona-Krise eine Lösung für das ungelöste Problem der Sorge bietet, ist noch offen. Fest steht jedoch, dass das Sichtbarwerden ihrer ‚Systemrelevanz‘ nicht ausreicht. Die Form ihrer ‚Systemrelevanz‘ selbst ist einer Kritik zu unterziehen. Sind wir gegenwärtig mit einem Sorge-Modell konfrontiert, dass die Sorge selbst entsorgt, muss die Veränderung an der Struktur ansetzen, womit wir bei der Frage der Angewiesenheit sind. Wie wird der Umstand der Angewiesenheit gegenwärtig individuell und gesellschaftlich verarbeitet? In was für Sorge-Beziehungen leben wir, wie beziehen wir uns auf Sorgende, was wollen wir von ihnen und was für Selbstverständlichkeiten setzen wir hier voraus?

Phantasieren wir uns Menschen (und nun auch zunehmend uns Frauen) als weitestgehend autonom, sodass wir keiner Sorge zu bedürfen scheinen bzw. setzen die Existenz von Sorge-Dienstleistungen voraus, auf die wir selbstbestimmt entsprechend unserer finanziellen Möglichkeiten zurückgreifen können, dann setzen wir auch eine Sorgende voraus, die unseren Bedürfnissen zur Verfügung steht bzw. zu stehen hat. Nicht nur, dass damit die Sorgende in eine Position rückt, in der sie allgewährend zur Verfügung zu stehen hat, ebenso erhält der Umstand der Angewiesenheit, der eine Unverfügbarkeit des/der anderen impliziert, in dieser Vorstellung keine Geltung.

In welchen Sorge-Beziehungen wollen wir leben?

Es steht somit ein gesellschaftlich getragenes Sorge-Modell aus, das all jene, die Sorge leisten, angemessen absichert sowie wieder mehr Zeit und Raum zur Verfügung stellt, in denen sich Sorge-Beziehungen entfalten können, ohne dass dies an ein hierarchisches Geschlechterverhältnis geknüpft ist, in dem der eine Teil der Gesellschaft seine Angewiesenheit leugnet und dem anderen Teil wie selbstverständlich überlässt. Eine solche Transformation setzt sicherlich einen doppelten Prozess voraus. Es bräuchte eine gesellschaftlich getragene Entscheidung für eine angemessene Ausfinanzierung aller Bereiche, in denen Sorge geleistet wird. Darüber hinaus ist eine individuelle wie gesellschaftliche Reflexion vorausgesetzt, die den Raum öffnet, darüber nachzudenken, in welchen Sorge-Beziehungen wir leben und leben wollen. Damit wird gleichzeitig die Frage danach gestellt, wie der Umstand der Angewiesenheit individuell und gesellschaftlich verarbeitet wird und wie ein nicht verleugnender Umgang damit gefunden werden könnte.

Literatur

Chorus, Silke (2007), Who Cares? Kapitalismus, Geschlechterverhältnisse und Frauenarbeit. Regulationstheoretische Sehkorrekturen. In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung: Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie. Jg. 25, 2007, Heft 2, S. 202–216.

Evans, Dylan (2002), Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien, Berlin: Turia & Kant.

Hartmann, Anna (2020), Entsorgung der Sorge. Geschlechterhierarchie im Spätkapitalismus. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Soiland, Tove (2016), Die mütterliche Gabe hat keine symbolische Existenz. In: Dolderer, Maya; Holme, Hanna; Jerzak, Claudia; Tietge, Ann-Madeleine (Hg.), O Mother, Where Art Thou? (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 203–213.

Zitation: Anna Hartmann: Das ungelöste Problem der Sorge, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 04.08.2020, www.gender-blog.de/beitrag/sorge-problem/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200804

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Dr. Anna Hartmann

Anna Hartmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Allgemeinen Erziehungswissenschaft/Theorie der Bildung an der Bergischen Universität Wuppertal. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung, feministischen Theorie, Care-Ökonomie, französischen Psychoanalyse sowie in der sexuellen Bildung für Schule und Lehrberuf.

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Kommentare

Angelika Luckner, Gleichstellungsbeauftragte | 04.08.2020

Dieser Beitrag erinnert mich an die Tagung anlässlich des Equal Care Days am 29. Februar 2020 in Bonn. Die Tagungsteilnehmer*innen setzten sich mit vielen der aufgeworfenen Fragen auseinander und erarbeiteten ein Manifest. Dieses Manifest muss Verbreitung und Unterstützung finden und in allen Bereichen unserer Gesellschaft ankommen, damit die Diskussion nicht immer wieder bei den selben Fragen beginnt. Hier ist das Manifest der Vielen zu finden: equalcareday.de/manifest/

Friederike Faust | 09.08.2020

Ein wirklich spannender Beitrag, der mit der Angewiesenheit eine Dimension beleuchtet, die ich in bisherigen Care-Debatten noch nicht entdecken konnte. Schön, dass der Blog unterschiedliche feministische Stimmen zu Wort kommen lässt. Gerade die Umkreisung und Diskussion so zentraler Themen wie Care aus verschiedenen geschlechtertheoretischen Perspektiven finde ich spannend, und wichtig für einen, offenen, kritischen und produktiven Diskurs innerhalb der Geschlechterforschung. Danke!

Jeannette | 15.08.2020

Indem Sorge in ihrer (beziehungs-)gestaltenden Dimension betont wird, macht der Beitrag deutlich, dass Sorge zu tragen auf eine unverfügbare Art und Weise einen wesentlichen Teil der menschlichen Kultur ausmacht. Damit eröffnet die vorliegende Argumentation etwas, das in der aktuellen Care- und Systemrelevanzdebatte eine Leerstelle bleibt: Sorge ist nichts, was es nur zu organisieren und zu verteilen gilt und sie wird erst zum Ballast, wenn sie zwangsweise einseitig zugeschrieben wird, statt in ihr eine uns alle betreffende Angewiesenheit zuzulassen. Danke für den Beitrag!

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