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Wider ein sorge- und naturvergessenes Wirtschaften!

02. März 2021 Andrea Baier

Nachhaltigkeit (re)produktiv zu denken, läuft letztlich auf die „Neuerfindung des Ökonomischen“ (Biesecker/Hofmeister 2006) hinaus. Wie radikal und anschlussfähig dieser Ansatz ist, wird in den verschiedenen Beiträgen des von Tanja Mölders, Anja Thiem und Christine Katz als Festschrift für Sabine Hofmeister herausgegebenen Buches sehr plastisch.

Hintergrund für die Buchbeiträge ist das von Sabine Hofmeister mit Adelheid Biesecker 2006 erarbeitete Konzept der (Re)Produktivität, das im Buch aus diversen fachlich-theoretischen und praktischen Perspektiven auf seine Produktivität in Bezug auf unterschiedlichste Problemlagen beleuchtet wird. Hofmeister und Biesecker setzen in ihrem Theorieentwurf die vielfältigen Prozesse des (Re)Produzierens zu Natur- und Geschlechterordnungen in Beziehung und betonen, dass die Produktivität von Natur und Arbeit – und zwar unbezahlter wie bezahlter Arbeit – nur erhalten bleiben kann, wenn die Wiederherstellung (die Reproduktion) der Voraussetzungen der Produktionsprozesse – und zwar aller Produktionsprozesse – gewährleistet ist. Ökonomie muss (re)produktiv gedacht, der Wert der Reproduktion anerkannt werden.

Zentraler Beitrag zum deutschsprachigen feministischen Diskurs

Wie die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung schreiben, hat Sabine Hofmeister „mit dem Konzept der (Re)Produktivität einen wesentlichen Beitrag zum deutschsprachigen feministischen Diskurs um nachhaltige Entwicklung geleistet“ (S. 20). Mölders, Thiem und Katz versammeln ihr zu Ehren eine illustre Schar an (ehemaligen) Mitstreiter*innen, die sich mit Sabine Hofmeisters wissenschaftlichen Arbeiten zu feministischer Umweltforschung, Landschaftsplanung, nachhaltiger Regionalentwicklung, Ökologie der Zeit, feministischer Ökonomie sowie zu Natur- und Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen. Da Sabine Hofmeister in ihrem wissenschaftlichen Leben sehr vielfältig gearbeitet hat, sind auch die Weggefährt*innen sehr verschieden. Die Leser*innen erfahren deshalb nicht nur etwas über Ökonomie und Reproduktion, sondern auch über Metalle, über Biomasse, eine (re)produktive Landwirtschaft, Zersiedelung, Bevölkerungspolitik, Stadtplanung und noch einiges andere mehr.

Das Buch ist in drei unterschiedlich umfangreiche Kapitel gegliedert. Im ersten erläutert Adelheid Biesecker das gemeinsam entwickelte Konzept – und Yen Sulmoski zeichnet einen Comic dazu. Nach diesem gelungenen Auftakt folgt Kapitel zwei, der Hauptteil, überschrieben mit „… eine Spurensuche auf vier Pfaden“. Hier findet die Auseinandersetzung mit dem Konzept aus verschiedenen fachlichen Perspektiven statt; sortiert nach den vier Überschriften: „Zeit/en“, „Natur/en“, „Räume“, „Inter- und Transdisziplinarität“. Das letzte, sehr kurze Kapitel wirft ein Schlaglicht darauf, dass eine „Professur: Mehr als ein Beruf“ ist, dass sie auch Lebenswelt und vielfältig mit (Re)Produktion verknüpft ist.

Feministisch-nachhaltige Perspektiven

Die Leser*innen sind live dabei, wie Theorie angewendet, weiterentwickelt bzw. auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft wird. Das ist informativ und erhellend, nicht zuletzt aber auch unterhaltsam, wenn Einblicke persönlicher Art gewährt werden.

Die (re)produktive Perspektive, die Sabine Hofmeister in ihrer Arbeit konsequent einnimmt, ist inspiriert von der feministischen Theorie, hier gehört sie zum klassischen Repertoire. Sie auf die Nachhaltigkeitsdebatte angewandt zu haben, ist zweifellos Sabine Hofmeisters großes Verdienst (und das von Adelheid Biesecker). Feministische Perspektiven sind im Diskurs um nachhaltige Entwicklung immer noch marginal, und umgekehrt war die feministische Umweltdebatte in der Genderforschung lange nicht „en vogue“ (S. 89), wie Christine Bauhardt in ihrem Beitrag sehr richtig schreibt. Das war anders, als ökofeministische Ansätze auch im deutschsprachigen Raum noch im Zentrum des frauenpolitischen Geschehens standen (d. h., bevor sie in Essentialismusverdacht gerieten); in den 1980er-Jahren sozialisierten Feministinnen wird beim Lesen einiges bekannt vorkommen, denn die Beiträge nehmen den Faden wieder auf und spinnen ihn weiter. Die feministische Nachhaltigkeitsforschung hat sich längst intensiv mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen und dem Konzept von Nature/Culture auseinandergesetzt, dabei aber nie den realen Boden verlassen, auf dem „das Ganze“ (inklusive Theoriegebäude) steht. Dazu ist sie wohl zu sehr mit den konkreten Verhältnissen, Prozessen, Handlungen befasst, die zu (Nicht-)Nachhaltigkeit führen.

Zukunft der Arbeit

Adelheid Biesecker diskutiert in ihrem Beitrag, ob gesellschaftliches Engagement Arbeit ist. Von einer (re)produktiven Warte aus betrachtet, von der aus man Reproduktion und Produktion nicht trennt, ist Engagement selbstredend Arbeit, sage jetzt ich (die Rezensentin), vorausgesetzt, das Engagement sorgt sich um den Erhalt der (Re)Produktivität. Die Frage wäre höchstens, ob man Engagement in einer (re)produktiven Gesellschaft mit (re)produktiver Ökonomie noch „Arbeit“ nennen würde oder ob nicht alle einfach tätig wären, statt bezahlt/unbezahlt zu „arbeiten“: Wir wären in solidarischen Landwirtschaften aktiv, wir wären Unternehmer*innen in dem Sinne, dass wir etwas mit anderen zusammen unternehmen würden, vielleicht würden wir uns Commonist*innen nennen und Allmenden bewirtschaften. Man kann sich das heute (noch) nicht vorstellen – oder nur kaum. Voraussetzung wäre, dass Communitys ihre Lebensmittel (das, was zum Leben gebraucht wird) teilweise selbst produzieren könnten und dass es gemeinschaftliches Fürsorgen statt privatem Eigentum gäbe. Das wäre dann wahrlich vorsorgendes – (re)produktives – Wirtschaften, ein Konzept, zu dessen Entwicklung Sabine Hofmeister im gleichnamigen Arbeitskreis nicht unerheblich beigetragen hat. Nachhaltigkeit (re)produktiv zu denken, hilft, wie man sieht, nicht nur, gegenwärtige Verhältnisse zu analysieren, sondern auch Zukünfte zu entwerfen.

Literatur

Biesecker, Adelheid/Hofmeister, Sabine (2006). Die Neuerfindung des Ökonomischen: ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur sozial-ökologischen Forschung. München: Oekom.

Mölders, Tanja/Thiem, Anja/Katz, Christine (Hrsg.). (2020). Nachhaltigkeit (re)produktiv denken. Pfade kritischer sozial-ökologischer Wissenschaft. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Zitation: Andrea Baier: Wider ein sorge- und naturvergessenes Wirtschaften!, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 02.03.2021, www.gender-blog.de/beitrag/wider-ein-sorge-und-naturvergessenes-wirtschaften/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210302

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International LizenzCreative Commons Lizenzvertrag

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Andrea Baier

Wissenschaftliche Mitarbeiterin der anstiftung (gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts, München). Inhaltliche Schwerpunkte: Feministisch-subsistenztheoretische Blicke auf DIY-, Commons- und Open-Source-Bewegungen.

Letzte Veröffentlichung: Baier/Hansing/Müller/Werner (2016): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Strategien, Bielefeld.

 

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